… wie lieblich es schallt

Grauer November, Kälte, Virus. Die Menschen verbringen viel Zeit zu Hause. Der Sorge, dass die häusliche Gewalt zunimmt, stelle ich ganz flapsig den Gedanken entgegen, dass auch häusliche Gewalt zwischen Nachbarn entflammen könnte. Ein melodieloses, lautes Wummern, stundenlang, aus der Wohnung unter mir, kann schon mal Gewaltphantasien auslösen.

Manche Menschen erinnern sich derzeit an längst stillgelegte Hobbies. Mit dem Keyboard wird mit viel Ehrgeiz „The Enternainer“ geübt, aber über diese eine schwierige Stelle kommt der ambitionierte Nachbar links von mir einfach nicht hinweg. Immerhin erkenne ich die Melodie und das ist mir viel lieber das als das Wummern von unten.

Über mir jagt man sich euphorisch durch die Wohnung und jauchzt in körperlicher Zweisamkeit. Meine Möbel wackeln. Ich gönne es ihnen, zumal das alles nach einer Stunde vorbei ist.

Ich liebe die Stille. Und laute Musik höre ich wenn dann gern über kabellose Kopfhörer, um in allen Räumen mit der gleichen Lautstärke versorgt zu sein und dabei niemanden zu stören. Der Nachbar unter mir dreht die Musik einfach so laut auf, dass er sie auch noch im Badezimmer hören kann. Wie lang es heute wohl wieder gehen wird?

Die Musik des Nachbarn kann niemand im Haus überhören, meinen Hang zur Stille schon. Griesgrämig sitze ich da und mir fällt einfach kein Weg ein, wie ich meinen Nachbarn zeigen kann, dass auch ich Bedürfnisse habe, die ich gern entfalten möchte. Wer Stille mag, der kann sie niemandem aufdrängen.

Ich träume von einer Quelle, die -durchs Haus geleitet- allen Schall absorbiert. Die Nachbarn sind genervt: „Ach, die Nachbarin hat wieder den Absorber eingeschaltet! Nix kann man hören! Den Fernseher verstehen wir nur über Kopfhörer. Schweinerei! Hoffentlich macht die das nicht wieder so lange, bis in den späten Abend hinein.“ Das alles müssen die Nachbarn sich natürlich gestikulierend mitteilen, denn es wird ja jeder Ton, jedes Krächzen, jedes Wort und jedes Wummern verschluckt. Auch das Schnurren der Katze fehlt. Stundenlang. Es ist, als sei das Haus und die Straße davor in einem Vakuum gefangen. Jetzt bin ich mal dran und ihr müsst warten, bis ich den Schallsauger wieder ausschalte! Das Rauschen des Windes höre ich nicht, das Rascheln der Blätter…. alles stumm. Aber zufrieden bin ich nicht. Es fehlt an Lebendigkeit. Ich stelle den Absorber wieder aus und lausche der Welt um mich herum.  Wenn es allzu laut wird, muss ich wohl eine andere Lösung finden.

Wir sollten uns besser kennenlernen.

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