Corona-Notizen

März

Ich gehe in die Küche und mache mir einen coffee to stay.

Abstandsregel und nur zwei Haushalte erlaubt- Wir schummeln und treffen uns zu dritt auf einen Spaziergang. Bewegen uns als gleichschenkliges Dreieck durch die Stadt, mit immer gleichen Winkeln, aber sich verändernden Seitenlängen. Für ein Gefühl der Verbundenheit.

Da sind so viele Gefühle und Gedanken und ich frage M., wie ich sie darstellen kann, am besten logarithmisch, denn sonst passt das alles nicht aufs Blatt.

Ich komme mit der ganzen Technik nicht klar, die man braucht, um das physical distancing ein wenig zu überwinden. Ich bin verärgert und sage, dass ich einfach nichts im Kopf habe. Doch, sagst du: Wörter! Stimmt. Mein Kopf ist ein Wörtersee.

Ich kauf jetzt öfter draußen mein Mittagessen. Die Restaurants werden künstlich beatmet.

Das Haus gegenüber – die Menschen leben wie in einem Puppenhaus. In jeder Wohnung ein tägliches Kammerspiel – bis abends der Vorhang zugeht.

April

Es ist gerade eine gute Zeit, den Konjunktiv zu üben.

Die Ringeltaube sitzt wieder im Baum vorm Haus.

Sommerliches Frühlingswetter; die Berliner sind trotz #stayhome auf den Straßen und in den Parks. Die Polizei kontrolliert die Abstände. Erster Gedanke in meinem Lehrergehirn: Die Polizei hat Hofaufsicht.

An Hamstern konnten Forscher nachweisen, dass sich durch OP-Masken die Übertragung des Virus verringern lässt, und zwar um mehr als 60 Prozent. Wieso gibt es keine Bilder zu diesem Versuch? Sie würden mir den Tag versüßen.

Mai

Täglicher Spaziergang. In der Luft, wie Asche: Vögel

Nordwestengland: Ein Fahrgast in einer U-Bahn sorgt für Schlagzeilen. Eine lebendige, um Mund und Nase um den Kopf gewickelte Schlange stellt keinen ordentlichen Mundschutz gegen das Corona-Virus dar.

Ich habe dich so lange nicht gesehen und die Landkarte deines Körpers wird langsam ungenau. Wo exakt befinden sich die Tattoos? Wie viele Piercings gibt es?  Ich werde alles neu erforschen.

Juni

ich warte

auf den Regen

der die Menschen

von den Straßen spült

Juli

Mit der ewigen Freundin wandern in Tirol. Ich zeige auf den Berg gegenüber. Schau, da, die Hütte, M. kennt die Besitzerin. Wir könnten dort alle im Schnee Silvester feiern. Sie entgegnet, dass sie auf die 2. Viruswelle im Winter hofft. Sie hasst Silvester, nie macht jemand etwas Schönes. Mit einem Satz hat ihr Schmerz unsere vergangenen Silvester und die Idee der zukünftigen Zusammenkünfte zum Jahreswechsel entwertet.

Freibad. Mit Abstand stehen wir an für ein Eis und Knisterkaugummi. Ein Mann stellt sich mit seiner Tochter in die Lücke vor uns. Mit Sicherheit bekommen wir hier nichts. Wir müssen auch drängeln oder vernünftig verzichten.

Der Knisterkaugummi schmeckt im Freibad am besten. Wir bereuen nichts.

August

Die Menschen brauchen einen Schuldigen. Zufälliges Unglück darf es nicht geben.

Ich frage einen Bekannten, warum er sich so schrecklich unfrei fühlt und er meint, dass der Staat uns von vorn und hinten belügt und betrügt und uns kleinhalten will. Für mich fühlt es sich in diesem Sommer fast so an wie immer. Die Geschäfte haben geöffnet, auch die Bibliotheken und Museen, und ich war sogar im Freibad. Der Bekannte sagt, ins Hallenbad will er aber auch mal wieder gehen. Es kann einfach nicht sein, dass Orte geschlossen werden.

Am 1. September nehmen nach der Sommerpause wie in jedem Jahr die Hallenbäder ihren Betrieb wieder auf.

September

Das Wort „Schmerzfrequenz“ sticht in meinen Kopf. Ich befrage das Internet, ob in mir ein Genie steckt und stelle enttäuscht fest, dass jemand anders bereits vorher von dieser Wortschöpfung befallen wurde.

Oktober

M. liest aus dem Internet vor. Die Wissenschaft stellt fest, dass ein Saunabesuch weniger gefährlich ist, als in einem Restaurant zu speisen. Wir fahren daraufhin in die Therme und gehen vorher ins Schwimmbadrestaurant. Es ist gerade noch ein Tisch frei. In der Therme ist es angenehm leer.

November

Die Welt da draußen ist kurz vergessen, auch wenn die Fenster stets geöffnet sind. Mit dem Reißverschluss der Federtasche spielt die ganze Klasse rhythmisch „Eine kleine Nachtmusik“.

Der dunkle Herbst bringt wenig Ablenkung. Ich zeige per Videotelefonie, dass ich meinen eigenen Fuß in den Mund nehmen kann.

Ich hatte einen Klartraum, aus dem ich einfach nicht aufwachen konnte. Ich saß auf meinem Bett und wusste, dass ich eigentlich nicht sitze, sondern noch da liege und schlafe. Ich rüttelte und schüttelte mich und riss die Augen immer weiter auf. Irgendwann gelang es. Später lese ich, dass man sofort aufwacht, sobald nur eine winzige Berührung von außen kommt. Wenn das die einzige Möglichkeit wäre, müsste ich wochenlang warten.

Wann sehen wir uns sicher wieder?

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