Perspektivwechsel

[Meine Einreichung für die Schreibeinladung von Christiane mit den Worten Schabernack, breit, erheben.]

Der Quereinstieg als Lehrer in der Berliner Grundschule ist nicht leicht. Viele Quereinsteiger arbeiten an sogenannten Brennpunktschulen; viele sind von hier auf jetzt und ohne Vorerfahrung großen Schülergruppen, Konflikten, Gewalt und einer großen Respektlosigkeit ausgesetzt. Wenn der Unterricht gut funktioniert und man gemeinsam mit den Kindern etwas erreicht hat, bereitet das ein großes Glücksgefühl. An manchen Tagen aber prasselt so viel Lärm und Aggression auf mich ein, dass ich mich frage, wie ich das alles allein schaffen kann. Eine große Erschöpfung und auch Schwindel macht sich manchmal breit. Bisher habe ich immer wieder Kraft gefunden, mit Freude den Unterricht vorzubereiten und mit neuer Energie vor teils sehr unruhigen Klassen zu stehen.

Neben der Lehrtätigkeit müssen alle Quereinsteiger nachstudieren. Einmal in der Woche bin ich keine Lehrerin, sondern Schülerin und schaue mit 20 anderen Quereinsteigern in Richtung Tafel. Weniger Lärm. Neues Wissen. Entlastung.

Einmal in der Woche sitzen wir auf der anderen Seite und sind zu einigem Schabernack bereit. Wider alle Regeln wird unterm Tisch aufs Handy geschaut, manche Kämpfen mit der Pünktlichkeit und die neue Sitzordnung löst laute Diskussionen aus. Wir sehen, dass SchülerInnen -egal wie alt- eben Menschen sind. Und auch die Nervosität vor Tests ist bei Erwachsenen dieselbe wie damals. Manche Dozenten lassen gerne mal eine Schlagzeige fallen und erklären uns, wie wir so sind oder wie wir uns zu fühlen haben.

„ Sie dürfen wieder Schüler sein und sich ganz passiv berieseln lassen – genießen Sie das!“

„Sie sind zu gemütlich!“

„Sie leisten Herausragendes. Sie retten die Berliner Schule!“

„Schließlich werden Sie auch dafür bezahlt, hier zu sein.“

Manche erheben sich voller Arroganz; sie versuchen, uns das Unileben zu erklären und scheinen dabei zu vergessen, dass jeder von uns bereits einen Studienabschluss hat.

Aber auch sie sind nur Menschen. Und ich versuche, aus dem wöchentlichen Perspektivwechsel zu lernen und es wieder ein wenig besser zu machen, wenn ich das nächste Mal im Klassenraum bin.

 

4 Kommentare zu „Perspektivwechsel

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  1. Wow, danke dir für den Bericht von einer „Front“, die ich gar nicht kenne. Ich stelle es mir schwer vor, als Quereinsteiger Fuß zu fassen, auch wenn mir klar ist, dass du und deine Kollegen händeringend gebraucht werden. Hut ab. Toll!
    Und den Rückfall in Schülertage habe ich mit Schmunzeln gelesen. Weiterbildungen ticken auch so …
    Liebe Grüße
    Christiane

  2. Sitzordnung an der Uni ??
    Lehrer*innen sind aber auch ein besonders grausliches Publikum für Redner und Seminarleiter. Viele benehmen sich ähnlich wie Schüler*innen, weil es so eine nette Abwechslung ist, auf der anderen Seite zu sitzen bzw zu stehen ;)

    1. Oft werden wir wie sehr junge Schüler behandelt und unser Verhalten spiegelt das wohl wider… Und wir haben uns durchgesetzt und dürfen sitzen bleiben wie wir mögen.

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