Stanglwirt

[Meine Einreichung für die Schreibeinladung von Christiane mit den Worten Skiurlaub, mickrig, kommandieren.]

Am Ende des Skiurlaubs fahren wir Richtung München heimwärts und am Fuß des Wilden Kaisers, direkt an der Bundesstraße ist doch dieses besondere Restaurant, von dem ich schon als Kind wusste. Ich wollte da damals unbedingt hin. Meine Mutter konnte es sich nicht leisten, jetzt aber habe ich mein eigenes Geld und will den Kindheitstraum endlich wahr werden lassen und mir auf der Heimreise noch etwas Schönes gönnen.

Das Restaurant ist ganz anders als mein Freund und ich: ziemlich schick. Weges des Ambientes sind wir gar nicht da. Da ist ein Kuhstall direkt ans Restaurant angeschlossen. Gastraum und Stall sind nur durch eine Glasscheibe getrennt. Für mich als Kind war das eine traumhafte Vorstellung. Ich liebte Bauernhöfe und Kühe sowieso. Und auch jetzt wieder: Oh schau, die Kuh! Und die da hinten! Schön!

Ich bestelle vegetarische Spinatknödel, mein Freund wünscht sich Roastbeef. Bis das Essen kommt, beobachten wir aufmerksam die angebundenen Kühe im Stall. Oder wird auf uns geschaut? Das Fenster wird mit der Zeit zum Vergrößerungsglas und zugleich zum Spiegel.

Ernst sieht die Kuh auf uns und unsere Teller; in Ihre Zukunft, symbolisiert durch die mickrige Portion Roastbeef. Erst lacht mein Freund, nun wird ihm mulmig: „Das ist doch gerade völlig krank! Was tue ich hier?“

Dann die Gewissheit: vegetarisch-vegane Aktivisten müssen dieses Restaurant vor Jahrzehnten eröffnet haben. Beim Verzehr des Steaks tritt mit dem Blick auf die Tiere die Läuterung ein; es wird das letzte Stück Fleisch sein, das man je bestellt hat. Sehr perfide, aber wirkungsvoll.

Wer Fleisch bestellt hat, ist selbst schuld. Ein jeder löffelt aus, was er sich eingebrockt hat. Wir essen brav auf, kommandieren den Kellner zu uns, zahlen und verlassen schnell das Restaurant. Im Vorbeigehen die Frage:

“War alles recht? Alles, wie es sein soll?“

„Ja. Es hat funktioniert. Wir kommen nicht wieder“.

War da ein leichtes Lächeln im Gesicht des Kellners?

 

3 Kommentare zu „Stanglwirt

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  1. Okay, die Wahrscheinlichkeit, dass es vegetarische Aktivisten waren, ist nicht besonders hoch – ich habe mir eben die Webseite und die Speisekarte angesehen.
    Aber interessant, nicht, wenn man Tiere als Einzelwesen erlebt, dann fällt einem plötzlich der Gedanke erheblich schwerer, sie zu essen … siehe die schon fast klassische Geschichte des Kaninchens, das im Stall gemästet wurde, um dann irgendwann auf dem Teller zu landen, und diverse Kinderherzen schwerst belastet hat, die selbiges Tier geliebt, regelmäßig gefüttert und gestreichelt hatten …
    Dass mir mein (potenzielles) Essen beim Essen zuschaut, ist auch für mich eine sehr merkwürdige Vorstellung.
    Danke für diese außergewöhnliche Etüde.
    Liebe Grüße
    Christiane :-)

    1. Ja, das mit den Aktivisten ist frei erfunden. Der Gedanke kam uns beim Essen und ich wollte ihn gern aufgreifen und in einen Text packen.

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