Reise

Unvermittelt hält das Auto am Straßenrand unter schattenspendenden Bäumen, der Zündschlüssel wird umgedreht und das ist das Kommando für alle Eingeweihten. Joaquin nimmt die Hände vom Lenkrad, lehnt sich zurück und schließt die Augen. Ich sitze hinten rechts auf der Rückbank und als ich mich zur Seite drehe, hat auch Paulo die Augen längst geschlossen. Maria, die vor mir sitzt, hat den Kopf bereits zurückgelehnt. An einem heißen portugiesischen Nachmittag sitze ich mit meinem Freund Paulo und seinen Eltern in ihrem Auto in Richtung Algarve und von einem Moment auf den anderen herrscht Bewegungslosigkeit und nächtliche Stille. Außer entspanntem Atmen ist nichts zu hören. Sie sind eine Einheit. Ich aber bin kein Teil dieser Absprache, die es so schon seit Jahrzehnten zu geben scheint. Mit offenen Augen sitze ich da und ich fühle mich fehl am Platz.

Es war eine Autofahrt ohne Unterhaltungen und ohne Musik gewesen, nur das Rauschen der Klimaanlage war zu hören. Die brütende Hitze Portugals wurde ausgesperrt, weggefiltert. Als leblose graue Blase bewegten wir uns durch die Sonne.

Zwischendurch waren wir kurz Mittagessen, in einem Restaurant an der Straße. Ich freute mich auf ein Fischgericht. Mein Schwiegervater Joaquin hatte mir eine Vorsuppe empfohlen, Sopa verde. Viel Suppe solle ich essen, „Creces!“, du wächst dann, sagte er begeistert. In schlechtem Portugiesisch und mit vielen Gesten bedeutete ich ihm, dass ich – jenseits der 30 – höchstens in die Breite und nicht mehr in die Höhe wachsen werde. „No, no“, sagte er beschwichtigend, „du wirst wachsen!“ und machte große Augen, während seine Arme sich ausladend nach oben bewegten. Der Kellner kam, ich bestellte den Fisch auf Portugiesisch und war stolz, das allein bewältigen zu können. Dann bestellte Joaquin noch die Suppe für mich. Die würde ich wohl löffeln müssen, bevor ich den Fisch essen durfte. Die Schwiegereltern wollten keine Suppe für sich, das wäre ihnen zu viel gewesen zusätzlich zum Hauptgericht. Paulo hörte währenddessen gar nicht hin. Wie in nahezu jedem portugiesischen Restaurant hing ein Fernseher oben an der Wand, und beschallte mit maximaler Lautstäke den Raum. Cristiano Ronaldo wurde zum X-ten Mal zum Weltfußballer des Jahres gekürt. Fasziniert und voller Bewunderung starrte Paulo auf den Bildschirm. Die Suppe kam, ich begann zu essen, sie war nicht sehr heiß und schmeckte säuerlich, wie leicht verdorben durch die Hitze. Ich aß langsam und als endlich der Fisch serviert wurde, gab ich dem Kellner die halbvolle Suppenschale direkt in die Hand.

Paulo und ich waren zwei Wochen durch Spanien nach Portugal gereist, dann hatten wir seine Eltern in Lissabon besucht. Wir blieben einige Tage dort und wollten dann wieder allein weiterreisen. Vorgestern machten wir mit den Eltern einen gemeinsamen Ausflug. Sie freuten sich über einen Anlass, aus der Stadt herauszukommen. Wir fuhren mit dem Auto durch faszinierende Landschaften, durch Wälder und vorbei an Küsten mit zerklüfteten Felsen, nur aus dem Auto aussteigen wollte außer mir niemand. Wir näherten uns einem großen See. Leute saßen am Ufer und schauten den vielen Booten zu, bei einem Strandbad schwammen große Hüpfburgen auf dem Wasser, ausgestattet mit Rutschen und Kletterwänden. Ganz hinten auf dem See fuhr jemand Wasserski. Wie ein Kind drückte ich meine Nase an der Scheibe platt. Ich fragte, ob wir anhalten könnten, um zu baden. „Sie will baden!“, sagte Joaquin amüsiert und schaute zu seiner Frau auf dem Beifahrersitz, die nun auch lachte, so absurd war mein Wunsch. Sie könnten mich auch austeigen lassen und in zwei Stunden wieder abholen, versuchte ich ungelenk auf Portugiesisch zu erklären. Ich bettelte fast. Paulo raunte ihnen irgendetwas zu. Nun gut, ich durfte baden. Wir parkten am See, stiegen aus, gingen zum Ufer, die drei aber hielten 20 Meter entfernt abrupt an, als könne ein unvorhergesehener Tsunami uns plötzlich wegreißen, wenn wir zu nah am Wasser stünden. Als hätte es weit draußen ein Erdbeben geben können, von dem noch niemand wusste, und bald könnte eine große Welle alles mit sich ziehen und wegspülen. Sicher sein konnte man nie. Man musste immer vorsichtig und auf der Hut sein. Wenn man stets aufpasste, würde man vielleicht davonkommen, womit auch immer. „Na, geh schon, geh baden“, sagte Paulo. „Wie lang brauchst du? 20 Minuten?“ Ich ging zum Ufer, über der Schulter die Badetasche mit Handtuch, Bikini und Buch darin. Als ich mich umdrehte, standen die drei kerzengerade nebeneinander, noch immer am selben Fleck, steif und stumm, die Augen auf mich geheftet, hinter ihnen war der Himmel grau, bald würden sich Wolken vor die Sonne schieben und es kam ein wenig Wind auf. Joaquin trug eine Sonnenbrille, aber auch die beige Sommerjacke, gut vorbereitet auf die kühle Luft, die nun tatsächlich kam. Reglos wie Zombies, die das Weihwasser scheuen, standen sie da, in sicherer Entfernung zum See. Das Wasser schwappte gelangweilt um meine Füße. Ein Kind rannte blaulippig und mit Gänsehaut am ganzen Körper aus dem Wasser und ließ sich von seiner Mutter in ein Handtuch hüllen. Ich hatte keine Lust mehr, auf gar nichts, und so ging ich zurück und stieg missmutig in das Auto, um mich weiter durch dieses wundervolle Land fahren zu lassen, das ich nur durch Glas betrachten durfte. Ich suchte Paulos Blick, aber er sah mich nicht an. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er sah aus wie immer, aber ich erkannte ihn nicht mehr, er war mir nicht mehr vertraut. „Warum badest du nicht?“, hatte er voller Unverständnis und etwas genervt gefragt, als ich dem See den Rücken zukehrte und zurück zu ihm und seinen Eltern lief. Ich hatte keinen Verbündeten mehr. Ich war allein.

Ich dachte an die Geschichte, die man damals in der Zeitung lesen konnte. Von dem entführten Mädchen, das jahrelang in einem Keller gefangen gehalten wurde. Eines Winters musste der Teenager, der sie mittlerweile war, mit ihrem Entführer auf eine Skireise gehen. Umgeben von den vielen Touristen war sie doch völlig isoliert. Sie muss die ganze Szenerie glücklicher Menschen in den verschneiten Bergen wie durch eine Glasscheibe betrachtet haben, ohnmächtig sich mitzuteilen oder nach Hilfe zu rufen, aus Angst, eine Flucht könne nicht gelingen und die Konsequenz wäre nicht auszudenken. Ja, genau so muss es sich anfühlen, dachte ich, als ich im Auto der Schwiegereltern saß und in die unerreichbare Landschaft hinausschaute, und schämte mich sofort dafür.

Auf diesem Ausflug vor zwei Tagen wurde das Auto abgesehen von dem gescheiterten Badeversuch nur für einen Restaurantbesuch verlassen. Wir hielten in einer hübschen Kleinstadt und liefen zu einem Restaurant, das sie bereits kannten. Dort war es gut, sie aßen an Ausflugstagen gerne dort. Als wir in der Kleinstadt zum Restaurant spazierten, liefen wir an einem alten, gemauerten Turm vorbei. Neben einer verschlossenen Eingangstür aus Holz war ein vergittertes Fenster. „Wenn du nicht lieb bist, sperren wir dich dort ein“, sagte mein Schwiegervater tatsächlich, und zwinkerte mir zu als sei ich freches Kind. Ich gab keine Antwort. Ich konnte nichts sagen, konnte einfach nicht mehr sprechen. Dazu brauchte es keinen Turm mehr.

Heute wollten wir nach unserem Besuch bei den Eltern zu zweit weiterfahren. Wir haben kein Auto und damit wir nicht den Bus nehmen müssen, fahren uns meine Schwiegereltern zum Badeort an der Algarve und machen sich am späten Nachmittag wieder auf den Heimweg. So war es abgemacht und ich blicke dem Moment des Abschieds sehnsüchtig entgegen. Ab diesem Moment werde ich endlich wieder eigene Entscheidungen treffen dürfen. Und vielleicht werde ich meinen Freund wiederhaben. Als ich mich jetzt aber im allzu stillen Auto umsehe, das Atmen der Schwiegereltern in meinem Ohr, durchfährt es mich. Da sind nicht zwei, sondern vier Gepäckstücke hinter der Sitzbank. Es soll ein Urlaub zu viert werden, das müssen die drei irgendwann abgesprochen haben, vielleicht saß ich dabei sogar mit ihnen gemeinsam am Tisch, nichts verstehend und es war allen recht so. Mein Kopf dröhnt. Ich brauche Luft.

Die Siesta der schlafenden Familie kann noch eine Weile dauern. Leise öffne ich die Autotür, um einen kurzen Spaziergang zu machen. Draußen schließt mich sofort die Hitze ein. Dort hinten geht ein Feldweg an einer Wiese entlang. Vielleicht schaffe ich es bis dorthin. Ich laufe ein Stück die Straße entlang, vorbei an einem Schild. 12km sind es bis zum nächsten Badeort. Das wäre in drei Stunden zu Fuß zu laufen, rechne ich spontan aus. Die Hitze aber könnte die Wanderung erschweren. Am Feldweg sind nun rot-orangene Punkte zu erkennen, vielleicht sind es Lampionblumen. Im Herbst sind sie besonders schön. Dann werden die Lampions durchsichtig. Durch ein feines Gitter kann man die von den Blütenkelchen eingeschlossenen Früchte sehen.

Ich laufe weiter in Richtung des Wegs, aber es zieht an mir, als wäre eine Leine aus Gummi an meinem Rücken befestigt, die nun allmählich straff wird. Sie könnten aufwachen und wollen dann bestimmt gleich weiterfahren, denke ich. Sie werden sich fragen, wo ich bin. Bin ich noch in Sichtweite? Mein Handy liegt im Auto, ich bin nicht erreichbar. Nur das Portemonnaie ist wie immer in der Hosentasche. Unruhig drehe ich mich um. Ich ringe mit mir und gehe dann langsam zurück, ganz weit hinten erkenne ich das graue Auto. Die Hitze drückt mir auf die Brust. Ein vorbeifahrendes Auto verlangsamt die Fahrt und hält an. Erschreckt winke ich ab, nein, ich will nicht mitgenommen werden. Das Auto fährt weiter. Ich setze meinen Weg fort in Richtung dieses Gefängnisses, das in Form eines grauen Kombis am Straßenrand steht und dann plötzlich ist es ganz klar. Der Schreck ist verflogen, ganz bewusst gebe ich den Vorbeifahrenden ein Zeichen, dass ich von hier weg will. Ich habe Glück. Die Fahrerin eines roten Kleinwagens hält an. Aus dem Radio dringt sommerliche Popmusik bis zu mir nach draußen. Ich öffne die Tür, die Musik wird lauter und ich nenne den Namen des Badeortes, den ich auf dem Schild gelesen hatte. Sie nickt lächelnd, ich steige ein. Es ist heiß im Auto, aber kühlender Fahrtwind dringt rauschend durch die leicht geöffneten Fenster als wir losfahren. Meine Haare werden verweht. Im Rückspiegel wird der graue Kombi zu einem kleinen Punkt, bis er nach einer Kurve ganz verschwindet. Ich atme tief ein, zum ersten Mal seit vielen Tagen. Wann werden die drei wohl aufwachen?

Ein Kommentar zu „Reise

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: