Mängelwesen

[Meine Einreichung für die Schreibeinladung von Christiane mit den Worten Kartoffel, anzüglich und bevormunden.]

„Aber man sieht gar keine Haare auf deinen Zähnen“, sagt Volker. Er suchte diese Haare oder auch einen anderen Grund dafür, dass ich als Frau allein in den Urlaub fahren musste. Ihm fehlt für ein stimmiges Bild ein Reisepartner, wenn nicht besser noch ein Partner fürs Leben. Den gibt es bestimmt auch nicht, denn dann wäre der ja mitgefahren. Allein ist man inkomplett und ich vermute, dass das für mich noch mehr gilt als für ihn. Ich denke an einen Satz aus dem Buch, das ich gerade lese: „Wenn das Ich wackelt, fällt es aufs Du“ (Gunda Windmüller: Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht, 2019, S. 54)

Ich habe eine Wanderung gemacht und oben auf einer Alm einen Kaffee getrunken, dann kam Volker mit seinem e-Bike hochgeradelt und begann sofort ein Gespräch. Er verrät mir die Namen der Berge, die ich schon kenne. Er erklärt mir, welche Schrauben seit einer Operation in seinem Knie stecken und als ich nicke, erklärt er es nochmals und etwas langsamer, denn so schnell konnte ich das bestimmt alles nicht verstehen. Er will mich am Abend zum Essen einladen, eine Spezialität aus der Region, „Tiroler Hut“, mit Kartoffeln aus dem Ofen. Dann fällt ihm im selben Atemzug ein, dass er ja schon mit Peter vom Golfclub verabredet ist. „Nein, es geht leider nicht, und morgen fährst du ja schon nach Haus, schade, es tut mir leid.“ Ob ich überhaupt möchte, fragt er nicht. Er merkt gar nicht, wie er mich bevormundet.

Er bittet um die Rechnung und zahlt meinen Kaffee mit. Ich empfinde das fast als anzüglich und denke dann, dass ich jetzt aber übertreibe mit meinen Empfindungen.

Unten auf der Wiese laufen Pferde. „Die habe ich in der Gegend noch nicht gesehen. Wem die wohl gehören…“, sagt Volker als er sich zu seinem Fahrrad aufmacht. „Es sind bestimmt Wildpferde und keine Nutztiere“, antworte ich trotzig, „sie müssen niemandem gehören.“

 

 

3 Kommentare zu „Mängelwesen

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  1. Diese Sorte Mann – ich will nicht sagen, dass sie unbedingt immer so unsympathisch sein müssen, aber braucht die eigentlich wirklich wer? Die sind doch hauptsächlich anstrengend. Meine Güte.
    Das Buch klingt übrigens interessant.
    Liebe Grüße, schön, dass du dabei bist
    Christiane

  2. Früher war man vor diesen alleinstehenden Ersatzteilwitwern und Besserwissern sicher, jetzt kurven sie mit ihren e-bikes oder pedelecs selbst in den Bergen rum und gehen auf Anmache.

  3. So Menschen sind furchtbar unangenehm. Absolut treffend eingefangen. Eigentlich sollte man so jemanden in die Schranken weisen, aber irgendwie ist man dann doch zu höflich.
    Grüße, Katharina

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