Dresdner Nacht

Ich sitze auf dem Sofa, links daneben die Stehlampe, über Eck das andere Sofa und auf dem sitzt Paul. Das Wohnzimmer ist geräumig, die ganze WG und einige Gäste würden hier Platz finden.

Ich wollte raus aus Berlin, wenigstens für das  Wochenende. Also bin ich nach Dresden gefahren, um Paul zu besuchen. Einer der Mitbewohner ist ausgeflogen und ich kann in seinem Zimmer schlafen.

Auf dem Tisch stehen Kerzen, eine Flasche Wodka und eine Flasche Rotwein, dazu Leitungswasser. Wir reden über die letzten Jahre. Wie es nach dem Studium lief. Pauls Augen sind so blau und melancholisch wie damals. Der Wodka fließt durch meinen Kopf; ich lehne mich zurück und genieße es, Stück für Stück die letzten anstrengenden Tage zu vergessen und die kommende Woche auszublenden. Pauls Wade berührt kurz meinen Fuß. Von mir aus kann sie dort bleiben.

Maren ist heimgekommen. Ab jetzt hat sie Rufbereitschaft in der Krisenintervention. Sie ist neu dort und will üben. Aber wenn heute Nacht niemand unerwartet stirbt, wird sie nicht für haltgebende Gespräche gebraucht. Wir drücken ihr die Daumen, dass es heute für sie klappt. Krisen werden täglich ausgelöst, warum nicht in dieser Nacht? Man kann das ganz pragmatisch sehen. Aber ist es noch Pragmatismus, wenn man auf eine Krise hofft? Maren geht schlafen mit dem Wissen, vielleicht  bald geweckt zu werden. Vielleicht weil irgendwo in der Stadt ein Kind verschwunden ist oder eine Familie bei einem Autounfall ausgelöscht wurde.

Pauls Freundin Nicola kommt ins Zimmer. Auch sie ist Teil der Wohngemeinschaft. Sie ist ziellos, setzt sich kurz, dann steht sie wieder auf, gießt die Pflanze am Fenster, stapelt Bücher. Sie setzt sich neben Paul, legt ihren Kopf in seinen Schoß, wie eine bedürftige Katze. Er tätschelt kurz ihren Arm. Paul deutet auf den Wein. Nein, sagt sie, sie wolle nichts trinken. Nicola steht auf und fängt wieder an, im Zimmer herumzuräumen. Paul und ich unterhalten uns weiter. Sein Gesicht ist auf mich gerichtet, während seine Augen nervös Nicolas Bewegungen durch das Zimmer verfolgen.

Eine Unruhe hat sich ausgebreitet. Ich fühle mich, als hätte ich nicht bis morgen Nachmittag Zeit, sondern müsste schnell meine Sachen packen und zum Bahnhof stürzen, um den einzigen Zug, der mich heimwärts bringen könnte, noch zu erreichen. Als ich zur Toilette gehe, höre ich die beiden leise reden.

„Ja, dann gute Nacht“, sagt Nicola zu uns als ich wiederkomme. Das Räumen und Ordnen ist vorbei und morgen fährt wieder stündlich ein Zug für mich nach Hause.

Die Flasche Wodka ist halb leer. Ich schaue in die Stehlampe mit dem altmodischen roten Lampenschirm, spüre wieder Pauls Bein an meinem. Der Alkohol verlangsamt die Zeit, bringt sie fast zum Stehen. Ich erzähle von Berlin, wie hart der Alltag gerade ist. Wie allein ich mich manchmal fühle. „Darf ich mich kurz anlehnen?“ Ich setze mich zu Paul auf das Sofa, lehne mich an ihn und er legt seinen Arm um mich. Er riecht gut. Genau wie früher. Ein Duft kann an andere Orte versetzen und macht Zeitreisen möglich. Man muss dazu nur die Augen schließen.

Ich befinde mich auf dem Hochbett einer Berliner Altbauwohnung, im Winter vor 12 Jahren. Es läuft ein Lied von Tocotronic. „Kannst du vor deinen Augen die Explosionen sehen? Ein Feuerwerk in der Nacht.“  Irgendwann schläft Paul ein und ich bewache seinen Schlaf. Ich selbst finde keine Ruhe. Diese Nacht vor 12 Jahren dauert ewig. Drei Tage später wird er mir sagen, dass er das alles nicht kann. Da könne er nichts für, so sei er eben.

Ich öffne die Augen. Er küsst mich wie früher. Seine Haare fühlen sich an wie damals. Dann blicke ich nervös um mich. Maren oder Nicola könnten plötzlich ins Wohnzimmer kommen. „Es ist ok. Ich habe mit Nicola darüber gesprochen. Es ist kein Problem für sie.“, flüstert er. Wir gehen in sein Zimmer und schließen die Tür. Er ist gut -wie damals- auf fast professionelle Weise. Er gehört zu den Männern, die den größten Spaß daran haben, wenn die Frau, mit der sie zusammen sind, bis in die Fußspitzen tiefste Befriedung spürt, lang andauernd und mit vielen Wiederholungen.

Dann reden wir, aneinandergeschmiegt und ich sehe aus dem Fenster in die Nacht. „Wenn ich dir damals wehgetan haben sollte, dann tut es mir sehr leid.“, sagt Paul. Und dann schlafe ich ein.

Am Morgen ist Nicola nicht da. Sie ist verabredet, sagt Paul. Ich sitze mit Maren und Paul am Küchentisch. Maren konnte durchschlafen. Sie wurde nicht gebraucht. Es gab keinen Unfall.

Als ich am frühen Nachmittag zum Bahnhof gehe, kommt mir Nicola auf der Straße entgegen. Sie hebt leicht die Hand und lächelt dünn im Vorbeigehen. In ihren Augen ist Schmerz. Ich gehe weiter und höre nach einigen Schritten hinter mir ein Auto hupen. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass es kein Auto, sondern ein LKW ist. Er musste scharf bremsen. Nicola steht auf der Straße, vor dem LKW, hat den Blick nach rechts oben zum Fahrer gerichtet. Stumm und wie versteinert steht sie da.

Es gab keinen Unfall. Niemand wurde verletzt. Paul, Nicola und Maren werden einen ruhigen Sonntag haben.

 

 

6 Kommentare zu „Dresdner Nacht

Gib deinen ab

  1. Erster Gedanke, noch vor „Oh. Gut geschrieben“? Scheiße.
    Und dann Wut auf Paul.
    Liebe Grüße
    Christiane, für die offene Beziehungen nichts sind

  2. Ein schöner Text, Sehnsucht, Schmerz, Ohnmacht. Weckt in mir den Wunsch Ohrfeigen zu verteilen an alle Beteiligten.

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