Sexy Room

Die Busfahrt über Costa Ricas ruckelige Landstraßen war beschwerlich gewesen. 100 Kilometer in 6 Stunden, ohne Klimaanlage und sehr beengt, zwischen 40 anderen Reisenden zum äußersten Zipfel der Nicoya-Halbinsel. Im Reiseführer stand, man solle unbedingt auf seine Habseligkeiten achten. Diebstahl komme häufig vor und gerade in vollen Bussen bewiesen manche Menschen nahezu magische Hände. Maja hatte die ganze Fahrt über ihre Hand auf der Seitentasche Ihrer Hose liegen. Nur so konnte sie wissen, dass noch alles Wichtige da war. Über den Rucksack im Gepäckraum hatte sie keine Kontrolle. Hoffentlich hatte ihn niemand mitgenommen. Bei jedem Halt reckte sie nervös den Hals, um zu schauen, ob nicht jemand ihr Gepäckstück aus dem Bauch des Busses holte und mitnahm. Robert saß dagegen recht entspannt neben ihr und döste die meiste Zeit. Er hatte sie überredet, noch diesen Abstecher in das Dorf am Golf zu machen, auch wenn es etwas weit war und sie umsteigen und am ungemütlichen Busbahnhof über 2 Stunden auf den Anschlussbus warten mussten. Es würde sich bestimmt lohnen, hatte er gesagt. Nur wenige Touristen würden in diesem entlegenen Ort sein. Eher Backpacker und keine Nordamerikanischen Pauschaltouristen oder coole Surfer. Das Meer am Golf von Nicoya sei nicht wild, hier konnten sie unbeschwert baden, so wie sie es mochten.

Endlich waren sie angekommen. Der Bus hielt am Straßenrand, gegenüber eines Kiosks, der Getränke und Postkarten verkaufte. Als sie hinaustraten, wehte Ihnen schon eine angenehm warme Meeresbrise entgegen. Der Busfahrer schmiss ihr Gepäck aus dem Laderaum des Busses. Die anderen Fahrgäste verstreuten sich mit scheinbar klarem Ziel und verschwanden bald in der Abenddämmerung. Mit ihren schweren Rucksäcken beladen machten sich Maja und Robert auf die Suche nach einer Bleibe. Im Internet war nichts auszumachen gewesen, aber Robert hatte gelesen, dass es gute Chancen gab, vor Ort im Vorbeigehen etwas zu finden.

Unter ihren Füßen knirschten die Steine der staubigen Straßen. Sie fragten in einigen Unterkünften an der Hauptstraße nach einem Zimmer. Das für sie Erschwingliche war schon ausgebucht. Maja war müde und spürte bereits Verzweiflung in sich aufkommen. Sollten sie etwa undgeschützt vor Insekten oder Dieben am Strand schlafen? Sie war für solche Abenteuer nicht gemacht. Wieso hatte sie sich nur überreden lassen, hierher mitzukommen? Missmutig folgte sie Robert die Straße entlang. Immerhin schien er noch genug Energie für die Suche zu haben. Er fragte in den Pensionen halb auf Spanisch halb auf Englisch, während Maja schweigend hinter ihm stand. Sie hatten kein Glück.

Als es bereits längst dunkel war, entdeckten sie am Ende der Hauptstraße einen kleinen Strand, an dem weiter hinten einige Lichter strahlten. Dort befanden sich ein Café und 3 weitere Pensionen. Vor der Pension ganz hinten am Strand sahen sie von weitem 3 Palmen stehen. Als sie näher kamen, erkannten sie auch die zwei Hängematten, die zwischen den Palmen hingen und einladend im Wind schaukelten. Und hier hatten sie endlich Glück. Zwei Männer in Badeshorts saßen im Halbdunkeln vorm Haus am Strand. Sie sprachen Englisch mit italienischem Akzent. „Only one room left. But only for couples.“ Sie lachten beide. “Are you couple?” Maja und Robert tauschten irritierte Blicke aus. Dann nickten sie zögernd. Wenn das die Bedingung war, wollten sie gerne als Paar gelten. Schon in einem anderen Hotel im Landesinneren schüttelte die Besitzerin ungläubig den Kopf, als sie erfuhr, dass die beiden Studenten nur gute Freunde waren. Offenbar musste man hier verheiratet sein, wenn man gemeinsam ein Zimmer teilte, und alles mit rechten Dingen zugehen sollte.

Sie erhielten den Schlüssel für das Zimmer ganz vorn am Gang. Am Schlüssel hing keine Zimmernummer. Stattdessen standen zwei Worte auf dem Anhänger aus abgegriffenem Holz: „Sexy Room“.

„All rooms have numbers. But this room is special. This is Sexy Room”, sagte einer der Italiener grinsend. „Only for couples”, führte er weiter aus. “You have to have sex in this room.” Seine Augen funkelten. Er hatte etwas übertrieben Föhliches, vielleicht sogar etwas Wahnsinniges an sich, dachte Maja. Ein eigenartiger Humor war das. Es schien ihnen etwas suspekt, aber es war spät und sie waren müde. Sie wollten endlich ankommen. Und die Lage der Pension am Strand war einfach paradiesisch. Die Eigenheiten der Unterkunft sollte sie nicht weiter stören.

Das Zimmer glich eher einem Verschlag oder einer Abstellkammer als einem Ort zum Wohlfühlen. Aber es diente ja auch nur zum schlafen. Also blieben sie. Bevor sie schlafen gingen, saßen sie in den Hängematten vor dem Haus und schauten schweigend auf den Mond, der derselbe Mond wie der zu Hause vor ihrem Fenster war und hier irgendwie exotisch wirkte.

Früh morgens als der Tag neblig dämmerte, weckten die Brüllaffen sie mit ihrem tiefen Urgeschrei. Eine Wohligkeit breitete sich in Maja aus, als sie sich die großen, wilden Tiere zwischen Nebelschwaden im Wald vorstellte. Maja und Robert schliefen weiter und standen erst auf, als die Sonne klar am Himmel stand. In der Pension gab es Filterkaffee. Essen gab es nicht. Sie hatten noch Kekse und etwas Obst übrig, zusammen mit dem Kaffee reichte es für den Morgen. Nach einem kleinen Frühstück vorm Haus liefen sie zum nahegelegen Wasserfall im Wald und badeten. Dann setzten sie sich unter die Bäume und schauten dem Treiben im Wasser zu. Die Touristen genossen das Wasser und machten Fotos für die Familien und Freunde zu Hause. Es roch nach Erde und den Blumen, die am Ufer standen. Manchmal konnte man bunte Kolibris mit ihrer Leichtigkeit umherschwirren sehen. Die mutigen jungen Männer des Ortes kletterten den Fels am Wasserfall hinauf, ließen sich von den unten stehenden Freunden und den Touristen bestaunen, um dann mutig ins Wasser zu springen.

Nachmittags spazierten sie durch den kleinen Ort. An vielen Straßenecken wurden Kokosnüsse und Obst angeboten. Bei der Hitze mussten sie nicht viel essen.

Sie verbrachten zwei wunderbar entspannte Tage. Wenn es zu mittags heiß wurde, kühlten sie sich im Meer direkt vor der Pension ab und baumelten danach in den Hängematten vor sich hin. So musste es sich im Mutterleib angefühlt haben, dachte Maja. Schaukeln, Wärme, keine Sorgen. Einfach: sein. Abends waren sie von der Hitze so müde, dass sie ins Bett des ungemütlichen Zimmers fielen und sofort einschliefen.

Am dritten Morgen traten Maja und Robert wieder vor das Haus, um dort wie gewohnt zu frühstücken. Die zwei Männer saßen an ihrem gewohnten Platz, in roter und blauer Badeshorts, der Laptop aufgeklappt auf dem Tisch. Einer der beiden redete etwas lauter. Er schien verärgert, aber genau wissen konnte man das nicht. Maja und Robert sprachen kein Italienisch. Eine unbestimmte Unruhe breitete sich in Maja aus. Schweigend schaute sie aufs Meer und versuchte die Stimme der Männer zu ignorieren.

Über den Palmen kreiste kreischend ein braun-weißer Greifvogel und spähte auf sie hinab. Er sah ein wenig aus wie der Würgfalke, den sie auf der letzten Reise durch Rumänien gesehen hatten. Das Sonnenlicht schmerzte Maja beim Hinaufschauen in den Augen. Wo war nur ihre Sonnenbrille? Hatte sie sie im Zimmer gelassen?

Plötzlich wandte sich der Italiener mit der roten Badeshorts an sie: “You are in Sexy Room!“, rief er. Die beiden verstanden nicht. „You are in Sexy Room but you don’t have sex!“, sagte er erbost und schaute kurz auf den Laptop und dann wieder zu ihnen. Es fröstelte Maja. „If you don’t have sex, you leave!“. Der Vogel über ihnen schrie wieder. Ungläubig sahen sich die Freunde an. Das musste ein Scherz sein. Aber so war es nicht. Der braungebrannte Mann streckte den Arm lang aus und zeigte auf sie: „You leave!“ Sein Partner stand neben ihm, schwieg und biss laut knackend in einen Apfel. Er kaute zustimmend. Der Wind trug kühle Luft vom Meer zur Küste. Schnell gingen sie hinein und packten schweigend ihre Sachen.

Eine andere Pension am Strand hatte ein noch Zimmer frei. Vor dem Haus waren keine Palmen und keine Hängematten.

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