Rückwärts

Nach Berlin. Der Zug Richtung Deutschland wird umgeleitet. Er fährt nicht nach Salzburg, sondern durch Tirol. Durch Täler, die es auf meiner geistigen Landkarte bisher nicht gab. Ich mache es mir gemütlich. Erst am späten Abend werde ich zu Hause sein. Ich schaue auf die unbekannte Landschaft. Dann plötzlich erkenne ich das Panorama wieder und es versetzt mir einen Stich. Wie gespiegelt schaut es zum Fenster rein. Sonst sehe ich das alles aus einer anderen Richtung; aus München kommend. Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung und bewege mich rückwärts durch den Ort meiner Kindheit, auf der Bahnstrecke etwas oberhalb des Tals. Ich schaue auf das Dorf hinab.

Mit fünf Jahren sah ich zum allerersten Mal dieses Gebirge, auf dessen Gipfeln selbst im Sommer noch Schnee lag. Im Winter stand auch im Tal der Schnee meterhoch. Gleich erscheint die Kirche; davor der Brunnen, der Kranke zu heilen vermag. Und da ist der Bach, dessen ewiges Rauschen mich abends in den Schlaf zog. Im Restaurant „Zur alten Post“ gab es die beste Backerbsensuppe. Wir zahlten mit Schilling, alles mal 7.

Gleich ist es vorbei. Mein Gesicht ist heiß und wahrscheinlich auch rot und ich bin ratlos, ja, fassungslos. Es ist, als sei plötzlich ein ehemaliger Geliebter, mit dem ich nach Jahren noch nicht abgeschlossen habe, in den Zug gestiegen. Schmerz und Freude gleichermaßen und ich weiß nicht, wie damit umgehen.

Der Zug hält nicht; der Bahnhof ist merkwürdigerweise zu unbedeutend. Die Erinnerungen rauschen vorbei. Eine ganze große Welt tut sich vor mir auf. Dem Dorf ist das egal und der Bahn, in der ich sitze, auch. Selbst wenn ich wollte: Ich kann nicht aussteigen. Der Zug rollt gleichmütig weiter. Ich habe keine Wahl. Unvermittelt stehe ich auf und gehe zum Fenster auf der anderen Seite des Wagens, ganz nah heran, um den Kirchturm noch einmal sehen zu können. Näher kommen das Dorf und ich uns nicht mehr.

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