Der Taucher

Der Taucher besuchte mich nur bei Regen. An irgendeinem Regentag, wenn es ihm gefiel, tauchte er aus einer Pfütze auf, tapste in seinem feuchten Anzug und den Flossen an den Füßen umständlich die Stufen des Hochhauses am U-Bahnhof Springpfuhl hinauf zu meiner Wohnung und klingelte.

Er hatte bei seinen Besuchen immer denselben Taucheranzug an. Schwarz mit dunkelblau, es war unvorstellbar, dass er ihn je auszog. Dazu die Flossen, dort wo andere Schuhe trugen. Eine Tauchmaske hatte er nicht. Er trug nie etwas bei sich, bis auf ein kleines Täschchen, das an der Seite seines Anzugs hing. „Das ist die Notfalltasche. Mein Erste-Hilfe-Set. Wenn ich jemanden sehe, der sich verletzt hat, kann ich helfen. Das ist schließlich Pflicht“, erklärte er.

Wir saßen immer gemeinsam am Küchentisch, den ich morgens voller Vorfreude auf seinen Besuch abräumte, um dann einen Kräutertopf oder Blumen und einen kleinen Teller mit Keksen oder Obst daraufzustellen. Es sollte gemütlich sein. Manchmal zündete ich uns eine Kerze an als Kontrast zum grauen Wetter. Ich trank meist schön heißen Tee. Er trank nichts oder verlangte nach Süßwasser, ungefiltert. Ich stellte ihm dann ein großes Glas mit  Leitungswasser hin. Manchmal schwiegen wir länger, und dann schaute er gedankenverloren vor sich hin, während ich dem Rauschen des Regens lauschte. Oft aber erzählte er mir von sich. Wie er zum Beispiel den Atlantik durchschwamm auf der Suche nach dem ruhigsten Punkt des Ozeans irgendwo in der Sargassosee. Dort ruhte er am Grund des Meeres aus und wenn es genug war, wärmte er sich im Golfstrom auf und schwamm mit der Strömung zurück nach Europa.

Verträumt schwärmte er vom Meer. „Da unten… wenn überhaupt noch Licht dorthin kommt, ist nur noch Blau zu sehen. Es ist sehr still. Höchstens ein Rauschen dringt an mein Ohr. Es ist ein Ort ohne Zeit und oft mag ich gar nicht mehr auftauchen. Denn dort oben steht die Zeit nicht still. Dort oben zerplatzen Träume.“

Fasziniert lauschte ich seinen Worten. „Und was möchtest du von mir wissen?“, fragte ich irgendwann. „Ich brauche nichts zu wissen“, sagte er leise. „Ich weiß alles, was ich wissen muss.“

Also fragte ich weiter: „Ist es nicht gefährlich dort unten? Was ist mit Untiefen?“

„Ach was, das kann ich alles ertauchen. Weißt du, Untiefe, das bedeutet einerseits flaches Wasser, also keine große Tiefe und  andererseits sehr große Tiefe, so tief, dass man es gar nicht mehr als tief bezeichnen kann. Untief eben.“ sagte er und hob den Zeigefinger leicht in die Höhe. „Je tiefer, desto besser für mich. Nur vor dem Sog muss man sich in acht nehmen.“ Er wurde ernst: „Dieser Sog, der einen plötzlich packt und mit sich zieht, ist das Schlimmste, das einem passieren kann. Man versucht dagegen anzukommen, strampelt und strampelt und es hilft doch nichts. Man wird in ganz unbekannte Gefilde verschleppt und vielleicht kommt man nie mehr wieder zurück.“

Er half bei der Bergung von Wracks, putze Korallenriffe, befreite eingeklemmte Schildkröten oder zählte Seesterne. Ich staunte über seine Furchtlosigkeit und sein Können. Der Taucher aber wehrte ab: „Ach, das ist nichts. Ob ich das nun mache oder jemand anderes ist doch egal.“

Ich war sehr aufgeregt, als er mich das erste Mal besuchte. Hoffentlich gefiel ihm alles. Für mich allein putzte und schmückte ich meine Wohnung nicht. Aber als der Besuch abgemacht war, wischte ich Küche und Bad, entfernte Spinnweben und stellte eine Vase mit gelben und blauen Wasserlilien auf den Tisch. Ich kochte Gemüsesuppe und buk einen Schokoladenkuchen.

Ganz hinten im Küchenschrank entdeckte ich das schöne Wasserglas mit den blauen Fischen darauf. Ich füllte es mit frischem Wasser aus dem Hahn und stellte es ihm hin, in der Hoffnung, dass er es nicht albern fand, sondern sich umso mehr zu Hause fühlte. Was er genau dachte, als er bei mir am Tisch saß, weiß ich nicht. Mit Daumen und Zeigefinger drehte er langsam das Glas, schaute abwesend auf dessen Inhalt, der dem Wasserkreislauf entrissen wurde, als würde er Spuren von Algen und Plankton suchen, oder sich fragen, was das alles hier mit ihm zu tun hatte. Es war mir unangenehm. Ich würde ihm das nächste Mal ein schlichteres Glas geben.

„Schön hast du’s hier.“ Er griff über den Küchentisch nach meiner Hand und hielt sie mit seinen beiden Händen fest. „Es ist wirklich schön hier. Dankeschön.“ Es klang irgendwie traurig und schwer und bedeutungsvoll. Meine Hand in den seinen liegend, umfing eine angenehme, warme Welle, die bis in den Arm strömte und dann langsam meinen ganzen Körper erfasste. Und dann irgendwann floss eine wunderbare Energie zurück in meinen Arm, dann in meine Hand und dann wohl zu ihm. Ich weiß nicht genau was da passierte, aber in etwa so fühlte sich das an. Mich umfing eine allumfassende Ruhe.

Als er sich zu mir herüberbeugte, um meine Hand zu halten, rutschte sein Anzug am Handgelenk ein wenig nach oben. Ein Teil eines Tattoos war zu sehen. Mit zwei Fingern schob ich vorsichtig und schüchtern den Ärmel weiter hoch, um es besser betrachten zu können. Ich spürte die Härchen seines Arms und seine warme, etwas klamme Haut. Das Tattoo war ein Motiv aus Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer. Der Kampf gegen den Riesenkraken. Der Taucher lächelte. „Jules Vernes war der Held meiner Kindheit.“ Ich erinnerte mich schwach an eine Verfilmung, die ich als Kind sah: Kapitän Nemo, der alles verloren hatte und nun mit seinem Unterseeboot Nautilus die Weltmeere durchkreuzte; so ungefähr war das. Der Taucher sagte, er hätte alle Bücher von Jules Vernes mehrmals gelesen. Und noch etwas: „Weißt du, woher der Name Nemo kommt? Das ist Latein und heißt „Niemand“.

Der feuchte Anzug trocknete nie ganz und manchmal rann ein Wassertropfen aus den Haaren über das Gesicht. Eine kleine Pfütze sammelte sich zu seinen Flossen. „Tut mir furchtbar leid, ich habe alles nass gemacht“, sagte er traurig, als er aufstand, um zu gehen. „Das macht nichts“, sagte ich und legte meine Hand beruhigend auf seinen Oberarm: „Hauptsache du bist da.“

Den ganzen Tag über hielt dieses Kribbeln in meinem Körper an und abends, als ich im Bett lag, war mir, als läge ich auf einer sich leicht bewegenden Wasseroberfläche. Von den Händen aus bewegte sich ein angenehmes Pulsieren durch  den ganzen Körper. Als schaukelte ich hin und her und her und hin und dann sank ich hinunter in tiefen und traumlosen Schlaf.

Bald kam die erste Postkarte an.  Eine Luftaufnahme einer kleinen,  grün bewachsenen Insel mit Palmen und Strand im tiefblauen Meer war darauf. Die Karte musste nass geworden sein und war sehr wellig. Ich las:

Es war so schön bei dir. Bald bin ich wieder da! Diese Woche noch? Ja? Du hast doch Zeit? Gruß aus der kalten Nordsee. Der Wind treibt hohe Wellen und darüber auch noch Wolken vor sich her.

In der kalten, grauen Nordsee war er also. Er musste die Karte von anderen Reisen übrig gehabt haben. Aber ich freute mich, dass er bald wieder am Springpfuhl war. Ich würde mir die Zeit nehmen.

Die Karte, die am Tag der Verabredung kam, war diesmal ohne Bild:

Du, wir müssen’s verschieben. Da sind Schwertfische, um die ich mich kümmern muss. Ein ganzer Schwarm hat sich verirrt und ich muss helfen! Tut mir leid.

Irgendwann, nach vielen Wochen, kam er dann wieder zu Besuch. Dann blieb er wieder lange weg. Es kamen hin und wieder Postkarten und er war insgesamt seltener da als versprochen. Meine Hand hielt er nie wieder.

An sonnigen Tagen vergaß ich den Taucher. An manchen regnerischen Tagen aber fragte ich mich, wann er wohl wieder zu Besuch kommen würde. Ich war in dieser Zeit nicht unglücklich, merkte aber, dass mir etwas fehlte. Irgendwann sickerte in mein Bewusstsein, dass ich nicht mehr träumte. Von dem Tag an, an dem ich dem Taucher das erste Mal die Tür öffnete, blieben die Träume aus.

Kennengelernt haben wir uns an einem heißen Frühsommertag am Seebadbad Wendenschloss. Ich paddelte auf meiner Luftmatratze über den Fluss und plötzlich tauchte er auf und schwamm neben mir her, ohne Sauerstoffgerät oder Tauchermaske. Wir unterhielten uns lange. Ich lag bäuchlings auf der Luftmatratze. Wir fanden es komisch, dass ich mich lieber auf und er sich lieber im Wasser aufhielt. Die Sonne wärmte mir den Rücken und das Wasser, das hochschwappte kühlte meinen Bauch. „Ich schieb dich bis an andere Ufer und zurück, ja?“ Der Taucher hatte die Hände bereits an der Luftmatratze, um sogleich mit den Füßen paddelnde Bewegungen zu machen. Dann tauchte er unter die Luftmatratze und schaute mit dicken Backen durch das durchsichtige Plastik zu mir hinauf und drückte sich die Nase platt. Luftblasen flogen durchs Wasser, drückten sich an der Luftmatratze vorbei an die Oberfläche. Ich lachte schallend. Da hielt es auch der Taucher nicht mehr aus, grinste, bewegte sich nach oben und prustete los. Er hatte ein dröhnendes und sehr fröhliches Lachen, das die vielen Fältchen um seine Augen hervorbrachte. Er stützte sich auf und ich fiel ins Wasser. „Keine Angst!“, sagte er und hielt mich sogleich beschützend und mit starken Armen fest. Aber ich konnte ja schwimmen.

Er war lange nicht mehr da gewesen. An einem regnerischen Sonntag schaute ich aus dem Fenster und sah ihn unten auf dem Asphalt sitzen, die Hände neben sich aufgestützt, die Unterschenkel in eine große Pfütze hängend, wie am Beckenrand eines Pools. Er wirkte unschlüssig. Ich bewegte die Hand ans Fenster und klopfte leicht, obwohl ich wusste, dass er mich aus dem 17. Stock nicht hören konnte. Etwa 10 Minuten stand ich da, die Hand die regennasse Scheibe berührend. Er saß da, mit gesenktem Kopf. Einmal schaute er mit traurigem Blick zum Hochhaus hinauf. Er schien mich nicht zu sehen. Wahrscheinlich spiegelte sich der Himmel im Fensterglas. Er schaute wieder in die Pfütze -oder auf die Wolken darin, wer weiß – und unvermittelt stützte er sich auf den Händen ab und sprang in die Pfütze, um zu verschwinden. Eine Passantin ging vorbei, als die letzte Luftblase aus der Pfütze hochstieg. Sie schenkte dem Wasser zu ihrer Rechten keine Beachtung. Nur ich habe den Taucher gesehen.

„Warum öffnest du mir eigentlich noch immer die Tür“ fragte er einmal ratlos, als wir in der Küche saßen. „Ich bin niemand, der dir etwas geben kann.“

„Auf deine Besuche verlassen kann ich mich nicht. Aber du bist der Taucher. Ich lausche gern deinen Geschichten.“ Dass auch das Halten meiner Hand dazu beigetragen hat, dass ich ihn immer wieder erwartete, sagte ich ihm nicht.

Einmal kam er mit zerzaustem Haar und völlig verschmutzt bei mir an. Ein Stück eines Fischernetzes hatte sich fest um seinen Arm gewickelt. Überall waren Sand und Algen und Müllpartikel. „Da war ein Meerbeben und ich bin in einen Müllstrudel geraten!“, erzählte er außer sich. Er stand im Flur, strich hastig über den Anzug und Algen und Plastikschnipsel fielen auf den Boden. Auch die Tapete bekam etwas Schmutz ab. Schnell holte ich eine Schere, um ihn von dem Netz zu befreien. Dann führte ich ihn ins Bad und duschte ihn ab, bis der Taucheranzug und die Flossen sauber waren. Auch die Haare spülte ich ihm aus. „Das ist sehr lieb von dir“, sagt er. Es klang fast resigniert. Ein Handtuch wollte er nicht benutzen. „Mach dir keine Mühe. Ich trockne schnell genug.“ Ich wollte es uns gerade in der Küche gemütlich machen und hatte schon ein Wasserglas in der Hand. „Nee, ich gehe jetzt. Aber ich habe nie gesagt, dass ich bleibe!“, sagte er frustriert und vorwurfsvoll und schlappte schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich hatte nun Zeit, den Flur zu säubern. Auf der Tapete sind heute noch einige Flecken zu sehen. Ich habe sie einfach nicht wegbekommen.

Einige Wochen später brauste draußen ein Platzregen. Es klingelte und ich öffnete dem Taucher die Tür. Aber er trat nicht ein. Er stand an der Türschwelle und nahm meine beiden Hände in seine. „Ich kann nicht mehr kommen.“ Er machte eine Pause. „Und das mit den Träumen tut mir leid.“ Dann drehte er sich um und ging.

Ich schloss die Tür. Meine rechte Hand fühlte sich an, als sei sie eingeschlafen. In der Küche lief das Radio. Ein Lied, das ich bereits kannte, jetzt aber hörte ich das erste Mal wirklich hin.

Ich träum‘ ich treff‘ dich ganz tief unten
der tiefste Punkt der Erde, Mariannengraben, Meeresgrund

aber keine Spur von dir
Ich glaub‘ du kommst nicht mehr
Wir haben uns im Traum verpasst  …                                                              

(Einstürzende Neubauten, Stella Maris)

Die Nacht darauf träumte ich wieder. Kennt ihr diese Träume vom Fliegen? Ohne Flügel, voller Leichtigkeit, einfach so wie man ist, schwebt man über Felder, durch Straßen und hoch hinauf zu Baumwipfeln. Einen solchen Traum hatte ich.

 

 

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