Proviant

Wer kokelt -also mit Feuer spielt- der macht sich in die Hosen. Das stimmt eigentlich gar nicht. Aber seit frühester Kindheit war mir der Zusammenhang vom Feuermachen und nasser Hose völlig klar. Bis heute verspüre ich hin und wieder den Drang, zur Toilette zu müssen, wenn ich an einem Lagerfeuer stehe und den scharfen Geruch von verbrennendem Holz wahrnehme. Ich wage kaum, einen Zweig in die Flammen zu werfen. Wenn ich den Spaß mit dem Feuer übertriebe, suchte mich womöglich eine Blasenentzündung heim. Eine gerechte Strafe; absehbare Konsequenz meines Fehlverhaltens. Wer kokelt, ist bald einer großen Blamage ausgesetzt. Diese Wahrheit hat mich mein Vater gelehrt, als ich noch sehr klein war. Und was einem in jungen Jahren mitgegeben wird, behält man für immer. Die anderen Dinge, die ich von meinem Vater erfahren habe, stimmen auch heute noch.

Im Skiurlaub in den Alpen schauten Papa und ich bei einem Abendspaziergang zum Himmel. Wir blieben auf einer kleinen Holzbrücke stehen, unter uns das Rauschen eines kalten Bergbachs, über uns das Firmament. Da waren so viele Sterne, viel mehr, als man in der Großstadt sehen konnte. Manche Sterne existierten längst nicht mehr, erklärte mir mein Vater, bestimmt ahnend, dass mich das erstaunen musste. Die Sterne sind erloschen und das Licht, das wir sehen, zeugt von ihrer bereits vergangen Existenz. Mich machte das sehr traurig; verzweifelt sogar. Heute tröstet mich der Gedanke, dass egal wie groß der Stern war, wir noch eine Weile sein Licht sehen können, das ein wenig von ihm erzählt, bevor es diffus im Äther verschwindet.

Und eines Sommers in Bayern zeigte er mir am Nachthimmel den großen Wagen. Das einzige Sternbild, das ich auch heute noch sicher erkenne. Keine anderen kann ich mir merken. Vielleicht will ich die anderen gar nicht kennenlernen. Als wäre das ein Verrat an unserer Zeit in Bayern und dem Sommerabend im Mondlicht. Einige Sternschnuppen hat Papa noch gesehen, ich aber habe immer zu spät hingeschaut und durfte mir nichts Glückliches wünschen. Die bittere Enttäuschung einer Fünfjährigen. Dass es gar keine Sternschnuppen zum Glück braucht, hat mein Vater mir nicht gesagt. Ich glaube, er stand dem Glück etwas hilflos gegenüber. Er fand es aber in Momenten des Sterneguckens mit dem Töchterchen und in der Liebe zur Natur. Die Tiere und Pflanzen liebte er mehr als die Menschen. Für ihn stand fest: Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion, ein Parasit, der die Schönheit und den Frieden der Welt auf dem Gewissen hat und irgendwann untergehen wird.

Ich habe ihn immer bewundert für seine Kraft und sein Geschick. Er konnte akkurat lange Bahnen Tapeten kleben, glatt und auf Stoß, da blieb kein Millimeter Luft dazwischen. Keine Angst, ist alles bloß Papier, sagte er. Wenn ich gut zuschaute, würde ich bald auch tapezieren können. Als er jünger war, konnte er schweres Bauholz tragen, zersägen und fest verschrauben. Er wusste, wie man sicher mit Werkzeug umgeht. Er hat mir beigebracht, das Messer mit der Klinge nach unten zu tragen und unbedingt den Stecker vom Bohrer zu ziehen, bevor ich etwas austauschte. Eine Drechselmaschine besitzt er. Nein, sogar zwei davon, und Schraubenzieher in allen Größen, Muttern, Schrauben, Nusskasten und Lötzinn. Es fehlt an nichts. Nur an Ordnung.

Man kann versuchen, die Zeit anzuhalten, indem man die Dinge so lässt wie und wo sie sind. In der Wohnung meines Vaters wurde bis heute nichts verändert und bloß nichts weggeworfen. Aber Jahr für Jahr kamen neue Dinge hinzu. Als ich meinen Vater fast 15 Jahre nach meinem Auszug aus der 4-Zimmer-Wohnung wieder in seinem Reich besuchte, war da einiges Werkzeug hinzugekommen. Irgendwann würde ein Projekt kommen, für welches man genau dieses Gerät brauchte. Aber auch andere Dinge wurden gesammelt. Berge von Zeitungen stapelten sich auf dem Küchentisch und auch darunter. Man konnte kaum die Füße ausstrecken. Die Zeitungen mit all den Nachrichten von draußen füllten den Raum und sammelten sich an. Sie wurden gehortet wie als Beweis dafür, dass die Zeit nicht verrann, sondern unendlich nachfloss und man sie festhalten konnte. Unendlich viel Zeit und Zeug für alle Vorhaben, die da noch kommen würden, wenn es körperlich endlich besser ginge. Wenn man irgendwann beim Arzt gewesen wäre. Aber er beherrscht die Zeit nicht. Nein, es sind die Dinge, die ihn beherrschen. Sie erdrücken ihn und geben gleichzeitig Halt. Ohne sie würde er wohl wegfliegen. Damit alles so bleibt wie es ist, wird hier auch nicht saubergemacht. Der klebende Küchenboden hält alles zusammen. Und die schmierigen Fenster lassen die Außenwelt nicht hinein.

Heute bin ich nach einigen Jahren wieder hier, in der Wohnung, in der ich aufwuchs. Papa liegt im Koma. Gestern ist er plötzlich umgekippt. „Herzkasper“ würde er sagen. Aber gerade sagt er nichts. Ihm war nicht gut, er hatte Angst und rief mich an. Als könnte ich seinen Körper wieder zum Funktionieren bringen. Ich rief die Feuerwehr und als der Krankenwagen ankam, konnte mein Vater die Tür nicht mehr öffnen. Sie brachen sie auf und hier irgendwo zwischen den Dingen muss er gelegen haben. Er ist nun weg, die Dinge sind noch da und machen ohne ihn keinen Sinn.

Ich gehe durch die Räume. Im Schlafzimmer neben dem Schrank steht das kleine Köfferchen, gefüllt mit meinen Schul- und Spielsachen. Ich brauchte es zu meinem Auszug nicht und hatte es genau dort stehenlassen. Nur die dicke Staubschicht darauf verrät, dass das nicht eben erst passiert war. Ein Großteil der Möbel ist noch genau derselbe wie beim Einzug vor 45 Jahren, als an mich noch nicht zu denken und meine Mutter längst nicht weggegangen war.

Ich schaue kurz ins Bad und sehe uns dort fast noch stehen. Ich bin ein kleines Mädchen und kann kaum über das Waschbecken schauen und er steht hinter mir mit dem Rasierapparat in der Hand. Ich war neidisch auf den Bart und die männlichen Pflichten, die er mit sich brachte. Niemals würde ich mich im Gesicht rasieren können. Da hat er den elektrischen Rasierer eingeschaltet und die Schutzkappe draufgesteckt. Das Gerät vibrierte lustig und ich durfte mir damit über das Gesicht fahren. Und dann erklärte er mir, dass das Wasser, das aus dem Hahn floss, Teil eines großen Kreislaufs war. Es wurde kein neues Wasser produziert. In dem Wasser, mit dem ich mir gerade nach dem Zähneputzen den Mund ausspülte, hat vielleicht bereits ein römischer Kaiser seine Füße gebadet. Hin und wieder denke ich noch heute beim Zähneputzen an diese Füße.

In der Küche läuft wie immer das Radio; es läuft auch nachts, dann ist Papa nicht allein. Ich schalte es aus. Ich sehe die Post durch, die ich unten im Hausflur aus dem Briefkasten genommen habe und lege sie oben auf einen der Zeitungsstapel auf dem Küchentisch. Daneben liegt -noch verschweißt- die Wurst, die ich ihm neulich vom Urlaub aus Italien mitgebracht habe. Ich war kurz vorbeigefahren, um ihm das Mitbringsel zu übergeben. Hereingebeten hat er mich nicht. Wo sollte ich auch sitzen? Alle Flächen wurden bereits für Anderes genutzt. Die Wurst liegt unberührt zwischen den Sudoku-Heften, den Zeitungen, den Pillenpackungen und Brotkrümeln und ihr Anblick macht mich wütend. Ich halte inne, sehe sie zwei Sekunden an, dann packe ich sie mit schneller Bewegung und reiße sie ungeduldig aus der knisternden Cellophanhülle. Ich beiße schnell ab, drei Mal hintereinander, erst dann beginne ich mit übervollem Mund zu kauen. Ich versuche sie mit aller Kraft zu zermalmen. Fast rutscht mir das mit Spucke vermischte Zeug aus dem Mund. Es ist wirklich eine harte Wurst. Ich stehe in der schummrigen Küche, die vergilbten Fenster zum Hof lassen kaum Licht hinein. Mein rechtes Kiefergelenk tut weh; vor Anstrengung kneife ich die Augen zusammen und dann kommen Tränen. Papa liegt im Koma. Mein Bauch verkrampft sich und ich werde diese Masse niemals schlucken können. Hilflos wie ein verlassenes Kind stehe ich mit vollem Mund und einer großen Dauerwurst in der Hand in der Küche dieser Wohnung und weiß nicht wohin mit mir. Da wird niemand kommen und mich abholen und sagen: Alles ist gut. Die Fenster sind so verdammt schmutzig, dass der Himmel kaum zu sehen ist. Es ist unerträglich. Es krampft sich so sehr, dass es mich nach unten zieht. Ich gehe in die Knie, beuge mich vorn über und spucke alles auf den sowieso schon verdreckten Fußboden.

Dann richte ich mich auf und laufe schnell ins Wohnzimmer. Viele Packungen von Schrauben liegen auf dem staubigen Parkett. Daneben stehen Putzmittel. Auf der Schrankwand liegen unsortierte Stapel von Fotos. Die Dinge stürzen auf mich ein, viel zu viele Dinge. Wohin mit all den Sachen? Wer soll das alles wegschaffen, falls Papa nicht wiederkommt?  Ich möchte diesen Wust von Werkzeug und Kleidung und Dreck und Staub und alten Möbeln einfach anzünden.

Ich stelle mir vor, wie die sonst so dunkle Wohnung lichterloh brennt. Noch am selben Tag, in wenigen Stunden wäre alles weg. Es knackt und schmilzt und bald wäre nichts mehr da. Ich habe schon fast den Brandgeruch in der Nase. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Und dann muss ich zur Toilette.

Joan Baez – Eleanor Rigby. Abends am offenen Fenster stehend, rauchend, hörte mein Vater gerne diese Aufnahme.

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