Tomasz

Er war niemand, der sich selbst im Weg stand. Wie nur wenige andere war Tomasz einfach nur er selbst. Er tat immer kompromisslos, wonach ihm war. Was das genau war, war kurz zuvor kaum abzusehen. Auch für ihn nicht. Es hatte immer mit Freiheit zu tun.

Als ich ihn kennenlernte, war er Anfang 20, ich fast 30 und im Laufe der Jahre wirkte er lebenserfahrener und weiser als ich. Seine Gelassenheit war es wohl, die mich am meisten beeindruckte, und sein klarer Blick auf das, was ihm wichtig war. Mit ihm waren tatsächliche Diskussionen möglich. Gedankenspiele und Perspektivwechsel ohne Schranken politischer Korrektheit und vorgefertigter Meinungen.

Schöne Tage konnte man mit ihm verbringen. Wir fuhren mit dem Fahrrad durch die Stadt, hielten an einem Lindenbaum und kosteten die ersten Frühlingsblätter. Wie Salat. Ich hatte gerade darüber gelesen, welche Pflanzen, denen man in der Stadt begegnet, essbar waren. Ich erzählte ihm das und wir fuhren los, suchten und probierten. So etwas konnte man mit ihm machen. Oder mit dem Schlauchboot über die Spree fahren. Im Internet hatte er dieses alte Boot für 15 Euro gekauft, irgendwie von Hessen nach Berlin geschafft und wir schipperten los. Ich hatte die frisch geernteten Tomaten von meinem Balkon dabei. Fast ein Picknick. Irgendwann fiel der Motor aus. Mit den Händen versuchten wir voranzupaddeln. Dann hielt ein Boot, das uns zum Ufer schleppte.

Tomasz redete leise, war zurückhaltend und ein guter Zuhörer. So kamen viele Geschichten zu ihm. Es schien, als wollte er alles, was es da in der Welt gab, aufsaugen. Er hörte den Menschen zu. Versuchte nicht zu werten, nur zu verstehen.

Dann reichte das Zuhören nicht mehr. Berlin wurde ihm zu klein. Er reiste monatelang durch Asien mit nichts als einem Armeerucksack auf den Schultern. Ein wenig Kleidung war darin und bestimmt auch die Kamera, mit der er manchmal neugierig einige Momente seiner Reisen festhielt. Er fuhr tagelang über Russland mit dem Zug Richtung Indien, wo er einige Wochen blieb.

Einmal im Monat schickte ich ihm eine lange E-Mail mit dem Neuesten. Irgendwann schrieb er zurück. Seine Nachrichten waren meist kürzer als meine und ließen manchmal wochenlang auf sich warten. Hin und wieder kam eine Postkarte aus Indien, aus Thailand oder Kamtschatka. Mit einem Yak in karger Landschaft darauf, oder mit Frauen in bunter, traditioneller Kleidung. Vergilbte Postkarten, die in einem kleinen Laden am anderen Ende der Welt seit dutzenden Jahren auf einen Käufer gewartet zu haben schienen. Sie waren vielleicht einige Tage oder sogar mehrere Wochen unterwegs und Tomasz war wahrscheinlich schon längst weitergezogen von dort, wo ich ihn nun verortete.

Ja, sogar Kamtschatka. Dort war er über ein Jahr. Bei den Mücken, auf dem Schneemobil, in der Jurte. Ich weiß noch, ich wollte nicht, dass er ging, aus Angst, dass ihm etwas passierte und auch aus Egoismus. Mit wem sollte ich mich austauschen, wenn er nicht da war? Ein Bärenglöckchen habe ich ihm geschenkt und ein Buch über das Überleben in der Wildnis. Als könnte ich mich dann in dem Wissen wiegen, dass er pünktlich und heil zurückkäme. Das Glöckchen nahm er mit, das Buch lies er da. Ihm geschah nichts. Sein Mitbewohner in dem kleinen Dorf bei Esso, in dem sie ein Jahr waren, ein junger Slowene, vergiftete sich, als er Bärlauch mit Maiglöckchen verwechselte. Es endete glimpflich. Und Tomasz hatte nichts von dem Bärlauchsalat gegessen. Mit meinem Glöckchen aber hatte das bestimmt nichts zu tun. Ich konnte die Dinge nicht aufhalten. Hin und wieder dachte ich: Wenn ihm etwas auf seinen Reisen zustieße, würde ich es nicht erfahren. Es würde einfach keine E-Mail und keine Postkarte mehr kommen.

Er erzählte mir, jeden Abend schlafe er zufrieden ein mit dem Gedanken, vielleicht nicht mehr aufzuwachen. Er schloss den Tag so ab, dass es für ihn möglich war, für immer einen Punkt setzen zu können.

Er konnte überall schlafen. Im Grunewald bei den Wildschweinen oder am thailändischen Strand, genauso wie auf dem Treppenabsatz einer Frankfurter Mietskaserne. Überall fand er Ruhe. Auch auf dem Fußboden meiner Küche. Dort schlief er, weil seine Wohnung auf unbestimmte Zeit untervermietet war und ich in meinem Zimmer nur ganz allein einschlafen konnte.  Daher konnte ich ihn nicht bei mir schlafen lassen, auch nicht auf dem bequemen Schlafsofa am anderen Ende des Raumes. Es tat mir leid, aber so war ich nun einmal. Ihm hingegen schien es tatsächlich nichts auszumachen, zwischen Waschmaschine und Stuhlbeinen auf der Isomatte zu liegen.

Einmal, als er zu Besuch in Berlin war und nebenan in meiner Küche schlief, hatte ich einen seltsamen Traum. In dem Traum schlug ich die Augen auf und lag unter der Erde in einem Sarg. Ich konnte aus dem Sarg hinausschauen, als sei er gläsern. Ein höhlenartiger Raum tat sich auf. Licht wie warmer Kerzenschein war da. Eine panische Angst überkam mich. Ich hatte Angst, dass ich dort nie wieder rauskäme. Ich wusste, ich sollte mich entspannen und einfach weiterschlafen. So war es gedacht. Dann würde sich alles fügen. Aber ich dachte darüber nach, was danach sei, wenn ich genug geschlafen hätte. Wie ging es dann weiter? Ich tastete mit meinen Händen an dem Sarg entlang und sah mich weiter um, vielleicht nach einem Ausgang und als ich zur Seite schaute, lag da Tomasz neben mir, auch in einem Sarg. Er sah mich nicht an. Er hatte die Augen geschlossen und schlief und sah zufrieden aus. Er konnte mir nicht helfen. Dann wachte ich mit wild pochendem Herzen auf. Ich würde diesen Traum heute so nicht mehr träumen.

In Berlin lebte er in einer billigen 1-Zimmer-Wohnung, 4. Stock, Hinterhof, Ofenheizung. So etwas gibt es noch in Neukölln. Im Zimmer nur ein Tisch, ein Stuhl und eine Matratze. Kein Schrank, nur Nägel in den Wänden, um dort an 5 Bügeln die Kleidung aufzuhängen. Wer hier weg wollte, hatte schnell gepackt. In den Küchenboden zementierte er irgendwann ein buntes Mosaik, weil es für den Moment das Richtige war. Orange-gelbe Sonnenstrahlen auf dunkelblauem Grund rankten sich durch den Raum. Kurz darauf verließ er Berlin wieder und vermietete die Wohnung unter.

Manchmal sorgte ich mich um ihn. Dass er überfallen wird, in Indien, am Straßenrand schlafend, dass er in irgendeinem skandinavischen Fjord kentert und im kalten Wasser ertrinkt. Oder ein Bär sein Zelt durchpflügt auf der Suche nach Essbarem und ihn dabei zerfleischt.

Er war nie unvernünftig. Nur spontan. Er setze sich der Welt aus, verschob immer wieder den Horizont, schaute über den ihm bekannten Rand. Und das birgt wahrscheinlich mehr Gefahren als die tägliche Fahrt ins Büro und das Feierabendbier in der Kneipe. Er stürzte sich nicht kopflos in Abenteuer. Trotzdem erzählte er mir von 2 Meter hohen Wellen, die ihn, als plötzlich Wind aufkam, in seinem kleinen Boot auf der Ostsee überraschten. Er kam nicht voran. Panik kam in ihm auf und als er die überwand, erreichte er nicht zu schnell, konzentriert und kräftesparend irgendwann das Ufer.

„Erzähl mir von Tomasz“, baten meine Freunde mich manchmal. Selbst die, die ihn kaum kannten. Sie wollten zuhören. Menschen, die täglich laut „Ich!“ riefen, wollten von diesem Tomasz hören. Sie waren hungrig nach seinen Geschichten, die bewiesen, dass ein anderes Leben möglich war. Ein Leben im Moment. Ein Leben ohne Weckerklingeln, ohne 5-Jahres-Plan, ja ohne überhaupt einen Plan. Dafür mit morgendlicher Eiseskälte im Zelt, dichtem Nebel im Gebirge,  ruhigem Paddeln auf Kanälen, Begegnungen auf der Landstraße, Einsamkeit in fremden Städten und das manchmal lange Warten auf eine Idee, wo es morgen hingehen soll.

Ich schrieb ihm von meinem Sommer in Berlin. Von dem Theaterkurs, den ich am Wochenende besuchte und dem Studenten, der sich erst sehr um mich bemühte, sich nun aber nicht mehr meldete. Ich schickte in der E-Mail ein Foto mit, vom Abendhimmel, der in eine Häuserflucht von Mietskasernen fiel und über den Leitungen der Straßenbahn halt machte. Zwei Wochen später schickte ich noch ein Foto in schwarzweiß. Eine nächtlich erleuchtete Straßenlaterne vor einem Spezialitätengeschäft. Schau mal, da gibt’s auch Süßigkeiten aus Kamtschatka! Solche hattest du doch damals mitgebracht! Wochenlang kam keine Antwort. Wo er jetzt wohl gerade war? Er wollte doch nach Spanien und von dort aus vielleicht nach Marokko. Vielleicht. Er war wohl da, wo er gerade sein wollte. Alles andere war ihm fremd.

Dann war ich im Spätsommer selbst verreist. Nicht wie Tomasz, ohne Ziel. Immerhin war es ein einsames Ferienhäuschen auf einer kleinen griechischen Insel geworden. Von der Terrasse aus konnte  ich das Meer sehen und an nichts denken, nur die warme Sonne auf der Haut genießen. Während meiner Reise landete ein Brief aus Thüringen, wo Tomaszs Eltern wohnen -so viel immerhin wusste ich- in meinem Berliner Briefkasten. Meine Mutter, die sich zu Hause um meine Post kümmerte, versicherte mir am Telefon, dass als Absender Tomaszs Nachname auf dem Brief stand. Nur der Nachname, kein Vorname. Meine Mutter fragte mich, ob sie den Brief öffnen und mir vorlesen solle. Ich zögerte zwei Sekunden. „Nein, es ist bestimmt nichts Wichtiges“, sagte ich und verabschiedete mich. Ich wollte den Brief später selbst lesen. Ich hielt mich an der Tischkante fest. Angst kam in mir auf. Dann eine seltsame Ruhe. Ich stand auf, stützte mich auf die Terrassenmauer und schaute auf das weite Meer. Mein Atem ging wieder ruhig. Es würde alles gut sein, so wie es war.

 

 

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