Berührungen

Bebend saß sie auf ihm und bewegte sich sehr langsam; so langsam es überhaupt ging, so dass Sie die Zeit fast zum Stehen brachte. Sie kostete jede Sekunde aus. Die Augen geschlossen, tief atmend, keuchend, in sich gekehrt, ganz bei sich und sich dabei doch in ihm auflösend. Sie versank in ihm. Sie ließ sich jetzt auf seinen Oberkörper fallen und atmete seinen warmen Duft tief und rhythmisch ein. Es war, als würde sie das allererste Mal in Ihrem Leben tief durchatmen können. Vollkommenes Glück. Wie konnte das falsch sein? Wie sollte sie jemals von ihm lassen können? „Dein Mund, deine Zähne, deine Haut, dein Duft, deine Stimme. Ich könnt in dir versinken“, sagte er.

Er brachte eine Farbe in ihr Leben, die sie bisher noch nicht kannte. Alles an ihm war spannend und neu für sie. Fast eingeschüchtert war Sie von diesem neuen Menschen. Niemals hätte sie gewagt, ihn anzusprechen. Es wäre ihr fast einfältig erschienen. Er war es, der ihr damals vorschlug, etwas trinken zu gehen. Das taten sie dann, in 10 Tagen 3 Mal. Es war sehr unterhaltsam. Er hörte ihr zu und sie war dankbar. Später erzählte er ihr, wie überrascht er war, dass sie plötzlich einfach nicht aufhörte, zu plappern. Immer mehr von ihrem Leben preisgab und er fasziniert über den Wortschwall und das Vertrauen einfach nur zuhörte. Er dagegen wirkte nun fast scheu, erzählte nur auf Nachfrage. Und dann öffnete er sich doch ein wenig. Abnehmen wolle er, mindestens fünf Kilo, wenn nicht zehn. Sie war erstaunt, weil sie auf den ersten Blick kein Übergewicht feststellte. „Doch doch“, sagte er. Das sei nicht nur der Pullover, der auftrage. Mit dem Zeigefinger stieß sie in den dicken Winterpulli. Ja, da konnte sie schon seinen Bauch spüren. „Da beginnst schon du“, sagte sie. Er nickte. Ihm schien das zu gefallen. „Ja, hier beginne ich“, sagte er grinsend. Das war ihre erste Berührung gewesen, in einer der letzten kalten Winternächte und draußen lag Schnee. In den nächsten Wochen folgten viele Berührungen. Intensive, leidenschaftliche, besitzergreifende, liebevolle.

Nach einem Wein in einem Biergarten spazieren sie durch die Stadt. Nun sind Sie am Uferweg angekommen. Der Kies knirscht unter ihren Füßen. Es ist der erste laue Sommerabend und die Nacht verspricht mild zu werden. Schon vor einigen Tagen waren sie nachmittags durch die sonnige Stadt flaniert. Sie hatten sich in den Park gelegt und aneinandergekuschelt. Sie redeten und irgendwann schwiegen sie. Es war ein angenehmes Schweigen, das sie seinen Herzschlag hören ließ, als sie ihren Kopf auf seine Brust legte. Es war seltsam. Sie stellte sich sein schlagendes Herz vor, unter dem festen Brustkorb, und hatte den Gedanken, dass es irgendwie anders aussehen musste als Herzen anderer Menschen. Sie fühlte sich ihm sehr nah an diesem Nachmittag.

Heute kann sie es den ganzen Abend schon spüren. Eine Distanz, einen unsichtbaren Zaun, den er zwischen ihnen beiden aufgebaut hat. Gab es vor einigen Tagen zufällige Berührungen oder spontane Umarmungen, laufen sie heute nebeneinander her, als würden sie sich erst seit einigen Stunden kennen. Sie irrt nicht, der Zaun ist da. Eigentlich ist es kein Zaun, sondern eine dicke Mauer. Sie gehen am Ufer entlang. Viele Menschen sitzen im Dunkeln auf der Wiese am Fluss, schauen auf das Wasser und unterhalten sich. Sie hat große Lust, sich auch auf die Wiese zu setzen. Sie will sich an ihn lehnen und in die Nacht schauen. “ Wollen wir uns setzten“, fragt sie.“ Ja, natürlich, da sind Bänke, Bänke sind gut“, sagt er, deutet auf die beiden Bänke, die dort im Halbdunkeln unweit von einer Laterne stehen und stellt sein Fahrrad ab. Sie setzt sich auf die mit Graphitti beschmierte Bank, er setzt sich neben sie und legt das schwere Fahrradschloss zwischen sie beide. Vor ihnen die Leute auf der Wiese am Ufer, davor der Fluss.

Schweigend sitzen sie auf der Bank. Ein Vogel zwitschert. Vielleicht eine Nachtigall. Entfernt ist das Gemurmel der Menschen am Ufer zu hören. Sie scheinen den Abend zu genießen. Voller Neid schaut sie hinüber. Ein Pärchen sitzt umschlugen unter einer Weide. Verzweiflung und eine tiefe Ernüchterung breiten sich in ihr aus. Er ist ihr so fremd. Sie haben einander plötzlich und ohne Vorwarnung verloren. Irgendetwas muss sie tun, um ihn wiederzufinden. Sie bewegt Ihre Hand zu ihm und drückt Zeige- und Mittelfinger leicht in seinen Oberschenkel. Sie kann den Jeansstoff fühlen, die leichte Wärme und den Widerstand des Beines, so wie es zu erwarten war. Er reagiert nicht. Er schweigt. Fragt nicht, was ihre Fingerkuppen auf seinem Bein suchen. Also gibt sie die Antwort auf eine Frage, die nicht gestellt wurde. „Ich wollte nur sehen, ob ich dich berühren kann.“  „Das ist eine schöne Art das Eis zu brechen“, sagt er, leicht schmunzelnd. Aber offenbar ist das Eis noch da. Er schweigt wieder. Im Dunkeln sind schemenhaft Schwäne auf dem Wasser zu erkennen. Wie Bojen schaukeln sie auf den sanften Wellen und bewegen sich nicht von der Stelle.

Mit der Zeit kriecht die abendliche Kälte vom Fluss zu Ihnen hoch. Sie zieht die Beine kauernd vor die Brust und stellt die Füße auf die Bank. Er scheint das nicht zu merken. Sie will aufzustehen, weit weg laufen, losrennen, woanders sein. Irgendwo, ganz egal wo, nur nicht hier. Sie muss sich bewegen. Jetzt. Aber sie ist wie gelähmt und starrt geradeaus. Es gibt kein vor, kein zurück. Als würde die Zeit stehen bleiben. Aber sie bleibt nicht stehen. Sie kriecht sehr langsam und unangenehm weiter.

Es ist vorbei. Wenn sie jetzt aufsteht, ist alles besiegelt. Sie sieht hinüber zu der Gruppe Jugendlicher ein Stück weiter am Ufer. Versucht, ihre Gespräche zu verstehen. Sie strengt sich ungehörig an. Was reden die bloß? Es interessiert sie mehr als alles andere. Würde es sie nicht interessieren, müsste sie handeln und endlich von dieser Bank aufstehen.

Sie sagt, sie wolle nun gehen. Kühl wünscht er ihr einen schönen Abend. Sein Weg sei nicht ihrer. Warum hatte er sich überhaupt mit ihr auf die Bank gesetzt? Allein, leicht schwankend und mit heißem Gesicht macht sie sich zu Fuß auf den Weg zum Bus. Holt nervös den iPod heraus. The Velvet Underground, There she goes again… take a look, there’s no tears in her eyes… Etwas später kommt er ihr doch mit dem Fahrrad hinterher. Er fährt langsam neben ihr her und sie nimmt die Kopfhörer von den Ohren. Die Pollen der Pappeln bedecken den Boden wie Schnee und tanzen durch die Luft , wenn sie ohne die Füße zu heben hindurchläuft. „So viel Baumzeug“, sagte er leise, „fast wie Schnee.“ „Baumzeug! Das Wort gibt es garnicht! Was willst du eigentlich hier? Fahr zu!“, ruft sie wütend und fragt sich, wann irgendjemand die Worte „Fahr zu“ benutzt hat, ob wütend oder nicht.  Doch er begleitet sie ein Stück. Sie umarmen sich zum Abschied, fast höflich. Es ist keine Umarmung, die alles gut macht. Keine, die den Schmerz abfallen lässt oder zu trösten vermag. Er fährt los, sie sieht ihm nach, dann biegt er ab und fährt nach Hause, wo seine Freundin wahrscheinlich schon auf ihn wartet.

Like a bird she will fly away… She’s gonna bawl and shout… She’s gonna work it out… bye bye.

 

 

 

 

 

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