Sommerwind

Hier ein Text aus dem Schreibkurs, den ich neulich besuchte. In 45 Minuten sollte eine Kurzgeschichte verfasst werden,  in der zufällig gezogene Begriffe vorkommen.

Meine Begriffe:

Wind, der über das Land weht// Rapsfeld// Kaffeebecher

Das ist dabei entstanden:

Sommerwind

Es war ein heißer Sommertag gewesen. Nun, am späten Nachmittag naht Abkühlung. Von Skandinavien ziehen kalte Luftmassen gen Süden. In eben noch stickiger Luft entwickelt sich ein seichter Wind über dem See am Wald. Die Wasseroberfläche kräuselt sich. Der Wind erhebt sich, streicht langsam über die Felder und tanzt um die Sonnenblumen am Wegesrand. Getrieben von der herannahenden Luft aus dem Norden nimmt er an Fahrt auf. Er bläst über das Rapsfeld, nimmt gelben Blütenstaub auf und kleine Fliegen; rüttelt am duftenden Lavendel, der zwischen den Feldern steht. Er schwingt sich hinauf zu den Baumwipfeln des Waldes, fliegt wieder hinab und verfängt sich im Farn und in einem Hirschgeweih, bis er schnell weiterzieht über die Dörfer, die Kirchtürme und Storchennester und die Autobahn, die in die Großstadt führt.

In der aufgeheizten Großstadt kann man fast ein erleichtertes Stöhnen hören, als die erste kühle Böe durch die Straßen weht. Staub wird aufgewirbelt, Blätter tanzen im Wind. Die Linden wiegen sich angenehm rauschend in der Sommerluft. Der Hut fällt einem älteren Herrn trieselnd vom Kopf. Sein Dackel schnappt ihn sich schwanzwedelnd. Die neuen Gerüche von Wald und Wiese, die in die Stadt getragen werden, machen Lust auf Abenteuer. Der Hund reicht Herrchen den Hut mit dem Maul und klefft lobeshungrig.

Der Wind zieht weiter, in das offene Fenster eines Taxis hinein. Der Fahrer atmet die Pollen ein, muss niesen und sucht nach einem Taschentuch. Im ersten Stock des Hauses, neben dem das Taxi gerade an einer Ampel steht, verfängt sich eine Gardine im offenen Fenster. Jemand eilt herbei, um das Fenster zu schließen. Die Frau, die auf dem Balkon sitzt blinzelt; eine kleine Fliege flog ihr ins Auge. Unter dem Balkon zieht das Taxi weiter.  An der Ampel steht eine Frau im wehenden Sommerkleid, mit einem Kaffeebecher in der Hand. Sie setzt den Becher an die Lippen und sieht auf die rote Ampel, darauf wartend, dass sie endlich weitergehen kann. Neben ihr steht -von ihr unbemerkt- ebenfalls wartend, ein junger Mann. Er schaut auf sein Handy.

Der Sommerwind umkreist die beiden. Er verwirbelt die Gerüche. Sie hat sein Aftershave in der Nase. Er nimmt schwachen Kaffeeduft wahr. Die Fußgängerampel wird grün. Der junge Mann hebt den Kopf. Sie sehen einander an, noch immer an der Ampel stehend.

 

 

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