Political Correctness at its best: Was das Leben reicher macht

In der ZEIT gibt es die kleine Rubrik „Was mein Leben reicher macht“, für die die Leser kurze Alltagsanekdoten einreichen können. Ein Leser hat im Januar 2015 diese kleine Begebenheit aufgeschrieben und an die Zeit geschickt:

Ich sitze im ICE und lese, als ein Handy lange und laut klingelt. Ich schaue genervt auf. Es gehört einem geistig behinderten jungen Mann. Er geht dran und sagt: „Ja, hallo? Hallo, Papa! Ja, alles paletti, wir sind gleich da! Ah, Papa? Ich liebe dich! Tschüüüss!“ Was mich darüber nachdenken lässt, wann ich das letzte Mal meinen Eltern gesagt habe, dass ich sie liebe. Sven C., München.

Auf den ersten Blick eine nette Geschichte. Aber habt ihr genau zugehört und es auch bemerkt? Richtig, viele ZEIT-LeserInnen sind empört. Da wird von einem geistig behinderten jungen Mann im ICE gesprochen, der mit seinen Eltern telefoniert. Das ist ja allerhand! Wie kann man nur so etwas schreiben!? „Was spielt es für eine Rolle, dass der Mann behindert ist?“ fragt eine Leserin in einem Kommentar bei Facebook. Genau. Schnell wird ihr von der Community beigepflichtet. Und es geht noch weiter: „Was spielt es für eine Rolle, dass die telefonierende Person männlich ist?“ Recht so. Da werden doch nur Klischees bedient. Behinderter Mann… Gibt´s etwa keine behinderten Frauen, oder was!?

Und als jung wird der auch noch beschrieben, fällt mir nun auf. Alte Menschen fahren aber wohl auch Zug? Und ich hab auch schon alte Menschen -Männer UND Frauen- mit ner ordentlichen Behinderung gesehen! Die kann der junge Mann jetzt nicht für sich allein beanspruchen.

Ein Leser versucht die Wogen zu glätten: „Es ist eine beschreibende Erzählung. Garnicht wertend. Muss denn immer jemand ein Haar in der Suppe finden?“

Aber so einfach ist das alles nicht. Ein weiterer wichtiger Punkt wurde bisher nicht bedacht. Hier geht es nicht nur um die telefonierende Person, wie eine Leserin (Pardon, besser gesagt wie eine Person -das Geschlecht ist ja egal- vorausgesetzt es gibt so etwas wie Geschlecht überhaupt) – also, wie eine Person kommentiert:

„Der RegionalExpress  fühlt sich diskriminiert. Warum spielt es eine Rolle, dass sich die Geschichte in einem ICE abgespielt hat?“

Eben. Wäre die Geschichte etwa weniger liebenswert gewesen, wenn Sie sich in einem Regionalexpress oder gar in einem einem Reisebus abgespielt hätte?

Und warum wird vom Fahrgast, der die Geschichte eingereicht hat, erwähnt, dass er sitzt, frage ich mich jetzt? Stehen ist doch auch ok. Manche Leute können oder wollen sich keine Sitzplatzreservierung leisten. Will der Autor subtil darauf hinweisen, dass er sich mehr leisten kann als andere? Erhebt er sich über andere Fahrgäste oder gar über den beschriebenen behinderten Mann?

Ich hab mich der Sache angenommen und den Text leicht modifiziert. Politisch korrekt würde die kleine Geschichte wohl so lauten und sollte nun alle zufriedenstellen:

Ich befinde mich in einem Massenbeförderungsmittel, als ein Telefon klingelt. Ein Fahrgast (weiblich / männlich / trans/ divers) nimmt das Gespräch an und teilt der anrufenden Person am Telefon mit, dass er/ sie gleich ankomme. Und dass er/sie den Gesprächspartner/ die Gesprächspartnerin liebe. Ich überlege daraufhin, wann ich das letzte Mal einer mir nah stehenden Person mitgeteilt habe, dass ich sie liebe. Vielleicht überlegen das auch andere Personen, die das Gespräch mithören; ich möchte diesen Gedanken nicht für mich allein beanspruchen.

Prima. Damit wäre dann wohl alles Wissenswerte gesagt. Bleibt nur eine Frage: Macht das das Leben reicher?

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