Gedanken am Waschtag

Nun habe ich es 10 Tage ausgehalten. Heute ist der Wäscheberg so groß, dass ich mich abends auf den Weg machen muss, um ihn in den Waschsalon zu tragen. Die defekte Waschmaschine macht mir sehr zu schaffen. Der Gedanke, meine Wäsche im Waschsalon zu waschen, ruft Ekel hervor; ich bin eben verwöhnt. Versuche das abzustellen. Es gibt doch nun wirklich Schlimmeres in der Welt.

Wie lange ist es her, dass ich meine Schmutzwäsche quer durch die Stadt trug? Als ich mit 20 meine erste Wohnung hatte, trug ich die Wäsche einmal in der Woche zu meiner Mutter. Ein lästiger Aufwand, aber eben notwendig und es gab noch ein warmes Essen. Heute wohnt mir Mutti zu weit weg, ich bin nun groß und gehe in den Waschsalon in der Nähe. Mit dem Wäschesack durch die Stadt zu laufen, fühlt sich heute anders an. Früher war es ein „nach Hause kommen“. Nun sorge ich für mich selbst. In der untergehenden Abendsonne trage ich den schweren Sack und fühle den Gang zum Waschsalon eine bedeutungsvolle Aufgabe werden. Ein wenig stolz und etwas aufrechter gehe ich meinen Weg, wissend, dass sie Last der nassen Wäsche auf dem Rückweg noch größer sein wird, so als würde ich mit einem großen Krug den langen Weg zum Brunnen beschreiten.

Die gemeinsame Nutzung von Waschmaschinen soll ja ökologisch sinnvoll sein. Hygienezweifel verdränge ich. Und während ich auf die Wäsche warte, könnte ich ganz in Ruhe lesen. Oder schreiben. Ganz vertieft und intensiv. Der regelmäßige Gang in den Waschsalon könnte mich sozusagen ein Stück näher zu mir selbst bringen. Oder ein Stück näher zu den anderen. Etwas unsicher betrete ich den Raum und bin froh, dass noch 2 andere Leute da sind, die ich um Hilfe bitten kann, falls sich mir nicht gleich erschließt, wie hier alles läuft. Ich werde dann einfach dazu stehen, die Neue hier zu sein, die bis vor kurzem noch ihre eigene Waschmaschine besaß. Eine Waschmaschine, die den größten Teil der Zeit unbenutzt war und nun auch noch kaputt ist.

Ich bringe die Maschine selbst in Gang und spreche trotzdem kurz mit dem Mann auf der Bank neben mir, um mich besser einzugewöhnen. Immerhin muss ich nun noch 40 Minuten hier sitzen, da will ich mich wohlfühlen. Ein netter Typ ist er, zum Glück aber nicht sehr interessant, sonst würde meine Sorge, ein unvorzeigbares Wäschestück könnte am Bullauge der Waschmaschine vorbeifliegen, noch viel größer sein. Während einer Ruhephase der Waschmaschine schmiegt sich minutenlang mein hautfarbener BH an die Scheibe. Ich hänge meinen Gedanken nach und stelle mir vor, wie manche Wäschestücke im falschen Moment unbequeme Wahrheiten preisgeben. Wer weiß, wie viele Paare sich jährlich im Waschsalon finden. Wenn das überhaupt möglich ist. Ob man als Single ohne eigene Waschmaschine seine Unterwäsche sorgsamer aussucht als andere Leute? Und dann, wenn sich das Paar gefunden hat, dann werden die beiden irgendwann zusammenziehen und sich eine eigene Waschmaschine anschaffen. Und dann lassen sie sich allmählich gehen. Man kennt einander- was stören da die wahllos gemusterten Unterhosen?

Die Wäsche ist fertig und ich trage sie nach Hause. Trotz interessanter Gedanken während des Wartens hoffe ich, nicht mehr oft herkommen zu müssen. Der Handwerker kommt noch diese Woche…

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