Dresdner Nacht

Ich sitze auf dem Sofa, links daneben die Stehlampe, über Eck das andere Sofa und auf dem sitzt Paul. Das Wohnzimmer ist geräumig, die ganze WG und einige Gäste würden hier Platz finden. Dazu noch eine Spielecke für das Kind, das manchmal da ist. Gerade sind nur Paul und ich hier.

Ich wollte raus aus Berlin, wenigstens für das  Wochenende. Also bin ich nach Dresden gefahren, um Paul zu besuchen. Einer der Mitbewohner ist ausgeflogen und ich kann in seinem Zimmer schlafen.

Auf dem Tisch stehen Kerzen, eine Flasche Wodka und eine Flasche Rotwein, dazu Leitungswasser. Wir reden über die letzten Jahre. Wie es nach dem Studium lief. Pauls Augen sind so blau und melancholisch wie damals. Der Wodka fließt durch meinen Kopf; ich lehne mich zurück und genieße es, Stück für Stück die letzten anstrengenden Tage zu vergessen und die kommende Woche auszublenden. Pauls Wade berührt kurz meinen Fuß. Von mir aus kann sie dort bleiben.

Maren kommt heim. Ab jetzt hat sie Rufbereitschaft in der Krisenintervention. Sie ist neu dort und will üben. Aber wenn heute Nacht niemand unerwartet stirbt, wird sie nicht für haltgebende Gespräche gebraucht. Wir drücken ihr die Daumen, dass es heute für sie klappt. Krisen werden täglich ausgelöst, warum nicht in dieser Nacht? Man kann das ganz pragmatisch sehen. Aber ist es noch Pragmatismus, wenn man auf eine Krise hofft? Maren geht schlafen mit dem Wissen, vielleicht  bald geweckt zu werden. Vielleicht weil irgendwo in der Stadt ein Kind verschwunden ist oder eine Familie bei einem Autounfall ausgelöscht wurde.

Pauls Freundin Nicola kommt ins Zimmer. Auch sie ist Teil der Wohngemeinschaft. Sie ist ziellos, setzt sich kurz, dann steht sie wieder auf, gießt die Pflanze am Fenster, stapelt Bücher. Sie setzt sich neben Paul, legt ihren Kopf in seinen Schoß, wie eine bedürftige Katze. Er tätschelt kurz ihren Arm. Paul deutet auf den Wein. Nein, sagt sie, sie wolle nichts trinken. Sie steht auf und fängt wieder an, im Zimmer herumzuräumen. Paul und ich unterhalten uns weiter. Sein Gesicht ist auf mich gerichtet, während seine Augen nervös Nicolas Bewegungen durch das Zimmer verfolgen.

Eine Unruhe hat sich ausgebreitet. Ich fühle mich, als hätte ich nicht bis morgen Nachmittag Zeit, sondern müsste schnell meine Sachen packen und zum Bahnhof stürzen, um den einzigen Zug, der mich heimwärts bringen könnte, noch zu erreichen. Als ich zur Toilette gehe, höre ich die beiden leise reden.

„Ja, dann gute Nacht“, sagt Nicola zu uns als ich wiederkomme. Das Räumen und Ordnen ist vorbei und morgen fährt wieder stündlich ein Zug für mich nach Hause.

Die Flasche Wodka ist halb leer. Ich schaue in die Stehlampe mit dem altmodischen roten Lampenschirm, spüre wieder Pauls Bein an meinem. Der Alkohol verlangsamt die Zeit, bringt sie fast zum Stehen. Ich erzähle von Berlin, wie hart der Alltag gerade ist. Wie allein ich mich manchmal fühle. „Darf ich mich kurz anlehnen?“ Ich setze mich zu Paul auf das Sofa, lehne mich an ihn und er legt seinen Arm um mich. Er riecht gut. Genau wie früher. Ein Duft kann an andere Orte versetzen und macht Zeitreisen möglich. Man muss dazu nur die Augen schließen.

Ich befinde mich auf dem Hochbett einer Berliner Altbauwohnung, im Winter vor 12 Jahren. Es läuft ein Lied von Tocotronic. „Kannst du vor deinen Augen die Explosionen sehen? Ein Feuerwerk in der Nacht.“  Irgendwann schläft Paul ein und ich bewache seinen Schlaf. Ich selbst finde keine Ruhe. Diese Nacht vor 12 Jahren dauert ewig. Drei Tage später wird er mir sagen, dass er das alles nicht kann. Da könne er nichts für, so sei er eben.

Ich öffne die Augen. Er küsst mich wie früher. Seine Haare fühlen sich an wie damals. Dann blicke ich nervös um mich. Maren oder Nicola könnten plötzlich ins Wohnzimmer kommen. „Es ist ok. Ich habe mit Nicola darüber gesprochen. Es ist kein Problem für sie.“, flüstert er. Wir gehen in sein Zimmer und schließen die Tür. Er ist gut -wie damals- auf fast professionelle Weise. Er gehört zu den Männern, die den größten Spaß daran haben, wenn die Frau, mit der sie zusammen sind, bis in die Fußspitzen tiefste Befriedung spürt, lang andauernd und mit vielen Wiederholungen.

Dann reden wir, aneinandergeschmiegt und ich sehe aus dem Fenster in die Nacht. „Wenn ich dir damals wehgetan haben sollte, dann tut es mir sehr leid.“, sagt Paul. Und dann schlafe ich ein.

Am Morgen ist Nicola nicht da. Sie ist verabredet, sagt Paul. Ich sitze mit Maren und Paul am Küchentisch. Maren konnte durchschlafen. Sie wurde nicht gebraucht. Es gab keinen Unfall.

Als ich am frühen Nachmittag zum Bahnhof gehe, kommt mir Nicola auf der Straße entgegen. Sie hebt leicht die Hand und lächelt dünn im Vorbeigehen. In ihren Augen ist Schmerz. Ich gehe weiter und höre nach einigen Schritten hinter mir ein Auto hupen. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass es kein Auto, sondern ein LKW ist. Er musste scharf bremsen. Nicola steht auf der Straße, vor dem LKW, hat den Blick nach rechts oben zum Fahrer gerichtet. Stumm und wie versteinert steht sie da.

Es gab keinen Unfall. Niemand wurde verletzt. Paul, Nicola und Maren werden einen ruhigen Sonntag haben.

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Sexy Room

Die Busfahrt über Costa Ricas ruckelige Landstraßen war beschwerlich gewesen. 100 Kilometer in 6 Stunden, ohne Klimaanlage und sehr beengt, zwischen 40 anderen Reisenden zum äußersten Zipfel der Nicoya-Halbinsel. Im Reiseführer stand, man solle unbedingt auf seine Habseligkeiten achten. Diebstahl komme häufig vor und gerade in vollen Bussen bewiesen manche Menschen nahezu magische Hände. Maja hatte die ganze Fahrt über ihre Hand auf der Seitentasche Ihrer Hose liegen. Nur so konnte sie wissen, dass noch alles Wichtige da war. Über den Rucksack im Gepäckraum hatte sie keine Kontrolle. Hoffentlich hatte ihn niemand mitgenommen. Bei jedem Halt reckte sie nervös den Hals, um zu schauen, ob nicht jemand ihr Gepäckstück aus dem Bauch des Busses holte und mitnahm. Robert saß dagegen recht entspannt neben ihr und döste die meiste Zeit. Er hatte sie überredet, noch diesen Abstecher in das Dorf am Golf zu machen, auch wenn es etwas weit war und sie umsteigen und am ungemütlichen Busbahnhof über 2 Stunden auf den Anschlussbus warten mussten. Es würde sich bestimmt lohnen, hatte er gesagt. Nur wenige Touristen würden in diesem entlegenen Ort sein. Eher Backpacker und keine Nordamerikanischen Pauschaltouristen oder coole Surfer. Das Meer am Golf von Nicoya sei nicht wild, hier konnten sie unbeschwert baden, so wie sie es mochten.

Endlich waren sie angekommen. Der Bus hielt am Straßenrand, gegenüber eines Kiosks, der Getränke und Postkarten verkaufte. Als sie hinaustraten, wehte Ihnen schon eine angenehm warme Meeresbrise entgegen. Der Busfahrer schmiss ihr Gepäck aus dem Laderaum des Busses. Die anderen Fahrgäste verstreuten sich mit scheinbar klarem Ziel und verschwanden bald in der Abenddämmerung. Mit ihren schweren Rucksäcken beladen machten sich Maja und Robert auf die Suche nach einer Bleibe. Im Internet war nichts auszumachen gewesen, aber Robert hatte gelesen, dass es gute Chancen gab, vor Ort im Vorbeigehen etwas zu finden.

Unter ihren Füßen knirschten die Steine der staubigen Straßen. Sie fragten in einigen Unterkünften an der Hauptstraße nach einem Zimmer. Das für sie Erschwingliche war schon ausgebucht. Maja war müde und spürte bereits Verzweiflung in sich aufkommen. Sollten sie etwa undgeschützt vor Insekten oder Dieben am Strand schlafen? Sie war für solche Abenteuer nicht gemacht. Wieso hatte sie sich nur überreden lassen, hierher mitzukommen? Missmutig folgte sie Robert die Straße entlang. Immerhin schien er noch genug Energie für die Suche zu haben. Er fragte in den Pensionen halb auf Spanisch halb auf Englisch, während Maja schweigend hinter ihm stand. Sie hatten kein Glück.

Als es bereits längst dunkel war, entdeckten sie am Ende der Hauptstraße einen kleinen Strand, an dem weiter hinten einige Lichter strahlten. Dort befanden sich ein Café und 3 weitere Pensionen. Vor der Pension ganz hinten am Strand sahen sie von weitem 3 Palmen stehen. Als sie näher kamen, erkannten sie auch die zwei Hängematten, die zwischen den Palmen hingen und einladend im Wind schaukelten. Und hier hatten sie endlich Glück. Zwei Männer in Badeshorts saßen im Halbdunkeln vorm Haus am Strand. Sie sprachen Englisch mit italienischem Akzent. „Only one room left. But only for couples.“ Sie lachten beide. “Are you couple?” Maja und Robert tauschten irritierte Blicke aus. Dann nickten sie zögernd. Wenn das die Bedingung war, wollten sie gerne als Paar gelten. Schon in einem anderen Hotel im Landesinneren schüttelte die Besitzerin ungläubig den Kopf, als sie erfuhr, dass die beiden Studenten nur gute Freunde waren. Offenbar musste man hier verheiratet sein, wenn man gemeinsam ein Zimmer teilte, und alles mit rechten Dingen zugehen sollte.

Sie erhielten den Schlüssel für das Zimmer ganz vorn am Gang. Am Schlüssel hing keine Zimmernummer. Stattdessen standen zwei Worte auf dem Anhänger aus abgegriffenem Holz: „Sexy Room“.

„All rooms have numbers. But this room is special. This is Sexy Room”, sagte einer der Italiener grinsend. „Only for couples”, führte er weiter aus. “You have to have sex in this room.” Seine Augen funkelten. Er hatte etwas übertrieben Föhliches, vielleicht sogar etwas Wahnsinniges an sich, dachte Maja. Ein eigenartiger Humor war das. Es schien ihnen etwas suspekt, aber es war spät und sie waren müde. Sie wollten endlich ankommen. Und die Lage der Pension am Strand war einfach paradiesisch. Die Eigenheiten der Unterkunft sollte sie nicht weiter stören.

Das Zimmer glich eher einem Verschlag oder einer Abstellkammer als einem Ort zum Wohlfühlen. Aber es diente ja auch nur zum schlafen. Also blieben sie. Bevor sie schlafen gingen, saßen sie in den Hängematten vor dem Haus und schauten schweigend auf den Mond, der derselbe Mond wie der zu Hause vor ihrem Fenster war und hier irgendwie exotisch wirkte.

Früh morgens als der Tag neblig dämmerte, weckten die Brüllaffen sie mit ihrem tiefen Urgeschrei. Eine Wohligkeit breitete sich in Maja aus, als sie sich die großen, wilden Tiere zwischen Nebelschwaden im Wald vorstellte. Maja und Robert schliefen weiter und standen erst auf, als die Sonne klar am Himmel stand. In der Pension gab es Filterkaffee. Essen gab es nicht. Sie hatten noch Kekse und etwas Obst übrig, zusammen mit dem Kaffee reichte es für den Morgen. Nach einem kleinen Frühstück vorm Haus liefen sie zum nahegelegen Wasserfall im Wald und badeten. Dann setzten sie sich unter die Bäume und schauten dem Treiben im Wasser zu. Die Touristen genossen das Wasser und machten Fotos für die Familien und Freunde zu Hause. Es roch nach Erde und den Blumen, die am Ufer standen. Manchmal konnte man bunte Kolibris mit ihrer Leichtigkeit umherschwirren sehen. Die mutigen jungen Männer des Ortes kletterten den Fels am Wasserfall hinauf, ließen sich von den unten stehenden Freunden und den Touristen bestaunen, um dann mutig ins Wasser zu springen.

Nachmittags spazierten sie durch den kleinen Ort. An vielen Straßenecken wurden Kokosnüsse und Obst angeboten. Bei der Hitze mussten sie nicht viel essen.

Sie verbrachten zwei wunderbar entspannte Tage. Wenn es zu mittags heiß wurde, kühlten sie sich im Meer direkt vor der Pension ab und baumelten danach in den Hängematten vor sich hin. So musste es sich im Mutterleib angefühlt haben, dachte Maja. Schaukeln, Wärme, keine Sorgen. Einfach: sein. Abends waren sie von der Hitze so müde, dass sie ins Bett des ungemütlichen Zimmers fielen und sofort einschliefen.

Am dritten Morgen traten Maja und Robert wieder vor das Haus, um dort wie gewohnt zu frühstücken. Die zwei Männer saßen an ihrem gewohnten Platz, in roter und blauer Badeshorts, der Laptop aufgeklappt auf dem Tisch. Einer der beiden redete etwas lauter. Er schien verärgert, aber genau wissen konnte man das nicht. Maja und Robert sprachen kein Italienisch. Eine unbestimmte Unruhe breitete sich in Maja aus. Schweigend schaute sie aufs Meer und versuchte die Stimme der Männer zu ignorieren.

Über den Palmen kreiste kreischend ein braun-weißer Greifvogel und spähte auf sie hinab. Er sah ein wenig aus wie der Würgfalke, den sie auf der letzten Reise durch Rumänien gesehen hatten. Das Sonnenlicht schmerzte Maja beim Hinaufschauen in den Augen. Wo war nur ihre Sonnenbrille? Hatte sie sie im Zimmer gelassen?

Plötzlich wandte sich der Italiener mit der roten Badeshorts an sie: “You are in Sexy Room!“, rief er. Die beiden verstanden nicht. „You are in Sexy Room but you don’t have sex!“, sagte er erbost und schaute kurz auf den Laptop und dann wieder zu ihnen. Es fröstelte Maja. „If you don’t have sex, you leave!“. Der Vogel über ihnen schrie wieder. Ungläubig sahen sich die Freunde an. Das musste ein Scherz sein. Aber so war es nicht. Der braungebrannte Mann streckte den Arm lang aus und zeigte auf sie: „You leave!“ Sein Partner stand neben ihm, schwieg und biss laut knackend in einen Apfel. Er kaute zustimmend. Der Wind trug kühle Luft vom Meer zur Küste. Schnell gingen sie hinein und packten schweigend ihre Sachen.

Eine andere Pension am Strand hatte ein noch Zimmer frei. Vor dem Haus waren keine Palmen und keine Hängematten.

heilende Zeit

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Irgendwann

wirst du

für mich

ein ganz und gar gewöhnlicher Mensch sein.

 

Bald

gibt es

keinen Sprung mehr, wenn ich dich sehe.

 

Sehr bald

werde ich

nichts mehr von dir wünschen.

 

Schon morgen

wird dein Schicksal

mir gleichgültig sein.

 

Und dann

wird auch dein Körper

einfach nur ein Körper sein.

Ohne Zauber.

Und dein Schwanz

wird mich langweilen.

 

Es wird genug sein.

 

Jetzt

bleibt noch eine Frage:

Hast du heute Abend Zeit?

Dieser Typ

Meine Einreichung für die Schreibeinladung von Christiane mit den Worten  Winterbaum, nasskalt, nachtrauern, Regenbogen, transparent, bluten [5 von 6 auzuwählen].

Dieser Typ. Schön, gebildet, eloquent,  aber nasskalt und windig wie ein grauer Novembertag.

Dieser Mann. Undurchdringlich. Undurchschaubar. Nichts war da transparent. Und das war das Interessante.  Blenden hatte sie sich lassen,  auch weil sie es wollte, und dafür musste sie nun bluten.

Ein Winterbaum mit beschneiten Ästen kann sehr elegant wirken. Wenn sich jedoch niemals etwas Grünes einstellt und die Kälte bleibt, ist das zu wenig.

Mit ihm würde es ständigen Mangel geben. Trotzdem wird sie ihm nachtrauern. Und das lag nicht an ihm. Sondern an ihr.

 

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50 shades…

Ein Regenbogen, der transparent am verwaschenen Himmel steht.

Die Farben bluten ineinander, rot-orange, grün-blau.

Die Wolkendecke schließt sich. Ab jetzt erfreue ich mich an Graustufen.

 

(Meine Einreichung für die Schreibeinladung von Christiane mit den drei Worten Regenbogen, transparent und bluten.)

 

 

 

 

Rückwärts

Nach Berlin. Der Zug Richtung Deutschland wird umgeleitet. Er fährt nicht nach Salzburg, sondern durch Tirol. Durch Täler, die es auf meiner geistigen Landkarte bisher nicht gab. Ich mache es mir gemütlich. Erst am späten Abend werde ich zu Hause sein. Ich schaue auf die unbekannte Landschaft. Dann plötzlich erkenne ich das Panorama wieder und es versetzt mir einen Stich. Wie gespiegelt schaut es zum Fenster rein. Sonst sehe ich das alles aus einer anderen Richtung; aus München kommend. Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung und bewege mich rückwärts durch den Ort meiner Kindheit, auf der Bahnstrecke etwas oberhalb des Tals. Ich schaue auf das Dorf hinab.

Mit fünf Jahren sah ich zum allerersten Mal dieses Gebirge, auf dessen Gipfeln selbst im Sommer noch Schnee lag. Im Winter stand auch im Tal der Schnee meterhoch. Gleich erscheint die Kirche; davor der Brunnen, der Kranke zu heilen vermag. Und da ist der Bach, dessen ewiges Rauschen mich abends in den Schlaf zog. Im Restaurant „Zur alten Post“ gab es die beste Backerbsensuppe. Wir zahlten mit Schilling, alles mal 7.

Gleich ist es vorbei. Mein Gesicht ist heiß und wahrscheinlich auch rot und ich bin ratlos, ja, fassungslos. Es ist, als sei plötzlich ein ehemaliger Geliebter, mit dem ich nach Jahren noch nicht abgeschlossen habe, in den Zug gestiegen. Schmerz und Freude gleichermaßen und ich weiß nicht, wie damit umgehen.

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Der Zug hält nicht; der Bahnhof ist merkwürdigerweise zu unbedeutend. Die Erinnerungen rauschen vorbei. Eine ganze große Welt tut sich vor mir auf. Dem Dorf ist das egal und der Bahn, in der ich sitze, auch. Selbst wenn ich wollte: Ich kann nicht aussteigen. Der Zug rollt gleichmütig weiter. Ich habe keine Wahl. Unvermittelt stehe ich auf und gehe zum Fenster auf der anderen Seite des Wagens, ganz nah heran, um den Kirchturm noch einmal sehen zu können. Näher kommen das Dorf und ich uns nicht mehr.

Der Taucher

Der Taucher besuchte mich nur bei Regen. An irgendeinem Regentag, wenn es ihm gefiel, tauchte er aus einer Pfütze auf, tapste in seinem feuchten Anzug und den Flossen an den Füßen umständlich die Stufen des Hochhauses am U-Bahnhof Springpfuhl hinauf zu meiner Wohnung und klingelte.

Er hatte bei seinen Besuchen immer denselben Taucheranzug an. Schwarz mit dunkelblau, es war unvorstellbar, dass er ihn je auszog. Dazu die Flossen, dort wo andere Schuhe trugen. Eine Tauchmaske hatte er nicht. Er trug nie etwas bei sich, bis auf ein kleines Täschchen, das an der Seite seines Anzugs hing. „Das ist die Notfalltasche. Mein Erste-Hilfe-Set. Wenn ich jemanden sehe, der sich verletzt hat, kann ich helfen. Das ist schließlich Pflicht“, erklärte er.

Wir saßen immer gemeinsam am Küchentisch, den ich morgens voller Vorfreude auf seinen Besuch abräumte, um dann einen Kräutertopf oder Blumen und einen kleinen Teller mit Keksen oder Obst daraufzustellen. Es sollte gemütlich sein. Manchmal zündete ich uns eine Kerze an als Kontrast zum grauen Wetter. Ich trank meist schön heißen Tee. Er trank nichts oder verlangte nach Süßwasser, ungefiltert. Ich stellte ihm dann ein großes Glas mit  Leitungswasser hin. Manchmal schwiegen wir länger, und dann schaute er gedankenverloren vor sich hin, während ich dem Rauschen des Regens lauschte. Oft aber erzählte er mir von sich. Wie er zum Beispiel den Atlantik durchschwamm auf der Suche nach dem ruhigsten Punkt des Ozeans irgendwo in der Sargassosee. Dort ruhte er am Grund des Meeres aus und wenn es genug war, wärmte er sich im Golfstrom auf und schwamm mit der Strömung zurück nach Europa.

Verträumt schwärmte er vom Meer. „Da unten… wenn überhaupt noch Licht dorthin kommt, ist nur noch Blau zu sehen. Es ist sehr still. Höchstens ein Rauschen dringt an mein Ohr. Es ist ein Ort ohne Zeit und oft mag ich gar nicht mehr auftauchen. Denn dort oben steht die Zeit nicht still. Dort oben zerplatzen Träume.“

Fasziniert lauschte ich seinen Worten. „Und was möchtest du von mir wissen?“, fragte ich irgendwann. „Ich brauche nichts zu wissen“, sagte er leise. „Ich weiß alles, was ich wissen muss.“

Also fragte ich weiter: „Ist es nicht gefährlich dort unten? Was ist mit Untiefen?“

„Ach was, das kann ich alles ertauchen. Weißt du, Untiefe, das bedeutet einerseits flaches Wasser, also keine große Tiefe und  andererseits sehr große Tiefe, so tief, dass man es gar nicht mehr als tief bezeichnen kann. Untief eben.“ sagte er und hob den Zeigefinger leicht in die Höhe. „Je tiefer, desto besser für mich. Nur vor dem Sog muss man sich in acht nehmen.“ Er wurde ernst: „Dieser Sog, der einen plötzlich packt und mit sich zieht, ist das Schlimmste, das einem passieren kann. Man versucht dagegen anzukommen, strampelt und strampelt und es hilft doch nichts. Man wird in ganz unbekannte Gefilde verschleppt und vielleicht kommt man nie mehr wieder zurück.“

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Wasserglas vom Taucher, liebevoll auf eine Serviette mit Korallendruck gestellt.

Er half bei der Bergung von Wracks, putze Korallenriffe, befreite eingeklemmte Schildkröten oder zählte Seesterne. Ich staunte über seine Furchtlosigkeit und sein Können. Der Taucher aber wehrte ab: „Ach, das ist nichts. Ob ich das nun mache oder jemand anderes ist doch egal.“

Ich war sehr aufgeregt, als er mich das erste Mal besuchte. Hoffentlich gefiel ihm alles. Für mich allein putzte und schmückte ich meine Wohnung nicht. Aber als der Besuch abgemacht war, wischte ich Küche und Bad, entfernte Spinnweben und stellte eine Vase mit gelben und blauen Wasserlilien auf den Tisch. Ich kochte Gemüsesuppe und buk einen Schokoladenkuchen.

Ganz hinten im Küchenschrank entdeckte ich das schöne Wasserglas mit den blauen Fischen darauf. Ich füllte es mit frischem Wasser aus dem Hahn und stellte es ihm hin, in der Hoffnung, dass er es nicht albern fand, sondern sich umso mehr zu Hause fühlte. Was er genau dachte, als er bei mir am Tisch saß, weiß ich nicht. Mit Daumen und Zeigefinger drehte er langsam das Glas, schaute abwesend auf dessen Inhalt, der dem Wasserkreislauf entrissen wurde, als würde er Spuren von Algen und Plankton suchen, oder sich fragen, was das alles hier mit ihm zu tun hatte. Es war mir unangenehm. Ich würde ihm das nächste Mal ein schlichteres Glas geben.

„Schön hast du’s hier.“ Er griff über den Küchentisch nach meiner Hand und hielt sie mit seinen beiden Händen fest. „Es ist wirklich schön hier. Dankeschön.“ Es klang irgendwie traurig und schwer und bedeutungsvoll. Meine Hand in den seinen liegend, umfing eine angenehme, warme Welle, die bis in den Arm strömte und dann langsam meinen ganzen Körper erfasste. Und dann irgendwann floss eine wunderbare Energie zurück in meinen Arm, dann in meine Hand und dann wohl zu ihm. Ich weiß nicht genau was da passierte, aber in etwa so fühlte sich das an. Mich umfing eine allumfassende Ruhe.

Als er sich zu mir herüberbeugte, um meine Hand zu halten, rutschte sein Anzug am Handgelenk ein wenig nach oben. Ein Teil eines Tattoos war zu sehen. Mit zwei Fingern schob ich vorsichtig und schüchtern den Ärmel weiter hoch, um es besser betrachten zu können. Ich spürte die Härchen seines Arms und seine warme, etwas klamme Haut. Das Tattoo war ein Motiv aus Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer. Der Kampf gegen den Riesenkraken. Der Taucher lächelte. „Jules Vernes war der Held meiner Kindheit.“ Ich erinnerte mich schwach an eine Verfilmung, die ich als Kind sah: Kapitän Nemo, der alles verloren hatte und nun mit seinem Unterseeboot Nautilus die Weltmeere durchkreuzte; so ungefähr war das. Der Taucher sagte, er hätte alle Bücher von Jules Vernes mehrmals gelesen. Und noch etwas: „Weißt du, woher der Name Nemo kommt? Das ist Latein und heißt „Niemand“.

Der feuchte Anzug trocknete nie ganz und manchmal rann ein Wassertropfen aus den Haaren über das Gesicht. Eine kleine Pfütze sammelte sich zu seinen Flossen. „Tut mir furchtbar leid, ich habe alles nass gemacht“, sagte er traurig, als er aufstand, um zu gehen. „Das macht nichts“, sagte ich und legte meine Hand beruhigend auf seinen Oberarm: „Hauptsache du bist da.“

Den ganzen Tag über hielt dieses Kribbeln in meinem Körper an und abends, als ich im Bett lag, war mir, als läge ich auf einer sich leicht bewegenden Wasseroberfläche. Von den Händen aus bewegte sich ein angenehmes Pulsieren durch  den ganzen Körper. Als schaukelte ich hin und her und her und hin und dann sank ich hinunter in tiefen und traumlosen Schlaf.

Bald kam die erste Postkarte an.  Eine Luftaufnahme einer kleinen,  grün bewachsenen Insel mit Palmen und Strand im tiefblauen Meer war darauf. Die Karte musste nass geworden sein und war sehr wellig. Ich las:

Es war so schön bei dir. Bald bin ich wieder da! Diese Woche noch? Ja? Du hast doch Zeit? Gruß aus der kalten Nordsee. Der Wind treibt hohe Wellen und darüber auch noch Wolken vor sich her.

In der kalten, grauen Nordsee war er also. Er musste die Karte von anderen Reisen übrig gehabt haben. Aber ich freute mich, dass er bald wieder am Springpfuhl war. Ich würde mir die Zeit nehmen.

Die Karte, die am Tag der Verabredung kam, war diesmal ohne Bild:

Du, wir müssen’s verschieben. Da sind Schwertfische, um die ich mich kümmern muss. Ein ganzer Schwarm hat sich verirrt und ich muss helfen! Tut mir leid.

Irgendwann, nach vielen Wochen, kam er dann wieder zu Besuch. Dann blieb er wieder lange weg. Es kamen hin und wieder Postkarten und er war insgesamt seltener da als versprochen. Meine Hand hielt er nie wieder.

An sonnigen Tagen vergaß ich den Taucher. An manchen regnerischen Tagen aber fragte ich mich, wann er wohl wieder zu Besuch kommen würde. Ich war in dieser Zeit nicht unglücklich, merkte aber, dass mir etwas fehlte. Irgendwann sickerte in mein Bewusstsein, dass ich nicht mehr träumte. Von dem Tag an, an dem ich dem Taucher das erste Mal die Tür öffnete, blieben die Träume aus.

Kennengelernt haben wir uns an einem heißen Frühsommertag am Seebadbad Wendenschloss. Ich paddelte auf meiner Luftmatratze über den Fluss und plötzlich tauchte er auf und schwamm neben mir her, ohne Sauerstoffgerät oder Tauchermaske. Wir unterhielten uns lange. Ich lag bäuchlings auf der Luftmatratze. Wir fanden es komisch, dass ich mich lieber auf und er sich lieber im Wasser aufhielt. Die Sonne wärmte mir den Rücken und das Wasser, das hochschwappte kühlte meinen Bauch. „Ich schieb dich bis an andere Ufer und zurück, ja?“ Der Taucher hatte die Hände bereits an der Luftmatratze, um sogleich mit den Füßen paddelnde Bewegungen zu machen. Dann tauchte er unter die Luftmatratze und schaute mit dicken Backen durch das durchsichtige Plastik zu mir hinauf und drückte sich die Nase platt. Luftblasen flogen durchs Wasser, drückten sich an der Luftmatratze vorbei an die Oberfläche. Ich lachte schallend. Da hielt es auch der Taucher nicht mehr aus, grinste, bewegte sich nach oben und prustete los. Er hatte ein dröhnendes und sehr fröhliches Lachen, das die vielen Fältchen um seine Augen hervorbrachte. Er stützte sich auf und ich fiel ins Wasser. „Keine Angst!“, sagte er und hielt mich sogleich beschützend und mit starken Armen fest. Aber ich konnte ja schwimmen.

Er war lange nicht mehr da gewesen. An einem regnerischen Sonntag schaute ich aus dem Fenster und sah ihn unten auf dem Asphalt sitzen, die Hände neben sich aufgestützt, die Unterschenkel in eine große Pfütze hängend, wie am Beckenrand eines Pools. Er wirkte unschlüssig. Ich bewegte die Hand ans Fenster und klopfte leicht, obwohl ich wusste, dass er mich aus dem 17. Stock nicht hören konnte. Etwa 10 Minuten stand ich da, die Hand die regennasse Scheibe berührend. Er saß da, mit gesenktem Kopf. Einmal schaute er mit traurigem Blick zum Hochhaus hinauf. Er schien mich nicht zu sehen. Wahrscheinlich spiegelte sich der Himmel im Fensterglas. Er schaute wieder in die Pfütze -oder auf die Wolken darin, wer weiß – und unvermittelt stützte er sich auf den Händen ab und sprang in die Pfütze, um zu verschwinden. Eine Passantin ging vorbei, als die letzte Luftblase aus der Pfütze hochstieg. Sie schenkte dem Wasser zu ihrer Rechten keine Beachtung. Nur ich habe den Taucher gesehen.

„Warum öffnest du mir eigentlich noch immer die Tür“ fragte er einmal ratlos, als wir in der Küche saßen. „Ich bin niemand, der dir etwas geben kann.“

„Auf deine Besuche verlassen kann ich mich nicht. Aber du bist der Taucher. Ich lausche gern deinen Geschichten.“ Dass auch das Halten meiner Hand dazu beigetragen hat, dass ich ihn immer wieder erwartete, sagte ich ihm nicht.

Einmal kam er mit zerzaustem Haar und völlig verschmutzt bei mir an. Ein Stück eines Fischernetzes hatte sich fest um seinen Arm gewickelt. Überall waren Sand und Algen und Müllpartikel. „Da war ein Meerbeben und ich bin in einen Müllstrudel geraten!“, erzählte er außer sich. Er stand im Flur, strich hastig über den Anzug und Algen und Plastikschnipsel fielen auf den Boden. Auch die Tapete bekam etwas Schmutz ab. Schnell holte ich eine Schere, um ihn von dem Netz zu befreien. Dann führte ich ihn ins Bad und duschte ihn ab, bis der Taucheranzug und die Flossen sauber waren. Auch die Haare spülte ich ihm aus. „Das ist sehr lieb von dir“, sagt er. Es klang fast resigniert. Ein Handtuch wollte er nicht benutzen. „Mach dir keine Mühe. Ich trockne schnell genug.“ Ich wollte es uns gerade in der Küche gemütlich machen und hatte schon ein Wasserglas in der Hand. „Nee, ich gehe jetzt. Aber ich habe nie gesagt, dass ich bleibe!“, sagte er frustriert und vorwurfsvoll und schlappte schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich hatte nun Zeit, den Flur zu säubern. Auf der Tapete sind heute noch einige Flecken zu sehen. Ich habe sie einfach nicht wegbekommen.

Einige Wochen später brauste draußen ein Platzregen. Es klingelte und ich öffnete dem Taucher die Tür. Aber er trat nicht ein. Er stand an der Türschwelle und nahm meine beiden Hände in seine. „Ich kann nicht mehr kommen.“ Er machte eine Pause. „Und das mit den Träumen tut mir leid.“ Dann drehte er sich um und ging.

Ich schloss die Tür. Meine rechte Hand fühlte sich an, als sei sie eingeschlafen. In der Küche lief das Radio. Ein Lied, das ich bereits kannte, jetzt aber hörte ich das erste Mal wirklich hin.

Ich träum‘ ich treff‘ dich ganz tief unten
der tiefste Punkt der Erde, Mariannengraben, Meeresgrund

aber keine Spur von dir
Ich glaub‘ du kommst nicht mehr
Wir haben uns im Traum verpasst  …                                                              

(Einstürzende Neubauten, Stella Maris)

Die Nacht darauf träumte ich wieder. Kennt ihr diese Träume vom Fliegen? Ohne Flügel, voller Leichtigkeit, einfach so wie man ist, schwebt man über Felder, durch Straßen und hoch hinauf zu Baumwipfeln. Einen solchen Traum hatte ich.