Wir sind dann also auf die Fusion gefahren, die 4 Männer und ich. Die anderen Damen haben abgesagt. Das Festival findet auf einem ehemaligen Militärflughafen statt. Man kann auf die begrünten und rot befahnten Hangars steigen und hat einen prima Überblick. Drinnen und draußen gibt’s Musik und Kultur. Sehr viele Fusionisten sind wohl nur wegen der elektronischen Musik da.
Ich bin nicht nur die einzige Frau, sondern auch die einzige in der Reisegruppe, die sich beim Drogenkonsum auf Alkohol beschränkt. Das Ecstasy genommen wird stört mich nicht, das soll jeder selbst entscheiden. Als einer aber einige Pillen diverser Art auf einmal schluckt, fehlt mir das Verständnis. Erst drängelt er, dass wir, kaum angekommen, auf die Tanzfläche gehen, bald wird ihm dann schlecht und er will zurück zum Bus. Dann gehen wir wieder los. Was darauf folgt, ist für sein Umfeld sehr lustig anzusehen, für unseren Freund selbst muss es aber die Hölle sein. Er sagt, er sei im Nirwana. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, keine positiven und keine negativen Empfindungen. Nichts. Er kann da nicht mehr rauskommen, denn er ist da auch nicht reingekommen. Es ist einfach. Nichts. Er nähert sich uns und sieht uns in die Augen. „Es macht aber keinen Unterschied“, sagt er. Er hebt einen Arm: „Ich kann auch den Arm heben. Ich kanns aber auch lassen.“ Es sei die totale Freiheit. Er könne ALLES machen. Er geht in die Menschenmenge und erzählt von seinem Zustand: „Ich müsste eigentlich besorgt sein. Ich kann es aber nicht.“ Er dreht sich im Kreis: “Ich kann mich auch drehen. Ich kann es auch lassen. Es mach keinen Unterschied. Es ist alles das gleiche.“ Er kann sich auch vor ein Auto werfen, sagt er. Es ist alles dasselbe. Ich versuche ihn zu beruhigen – dabei ist er nicht wirklich aufgeregt, er empfindet ja nichts – und sage ihm dass morgen alles wieder gut sein wird. „Es gibt kein morgen“, sagt er. O.K. Ein Freund von uns kümmert sich um ihn. Ich feiere weiter, mit denen, die noch können und die Drogen mit Bedacht dosiert haben. Aber auch mit bloßem Alkohol im Blut kann man froh sein und sich daneben benehmen, finde ich. Sonst tu ich mich schwer, aber beim Tanzen unter freiem Himmel verstehe ich irgendwann diese kalte Musik, die sich nach Minuten der Monotonie steigert und steigert, es ergreift mich tatsächlich. Ich überlege, ob beim Küssen die Gefahr des passiven Konsums von MDMA besteht. Egal. Am regnerischen Morgen kotze ich dann ordentlich vors Zelt und werde dabei von den noch sehr heiteren Zeltnachbarinnen lautstark kommentiert und wohl auch fotografiert. Unser Nirwana-Freund erzählt dann beim Frühstück im trockenen Bus wie schrecklich alles war, obwohl er ja nichts empfinden konnte. Ein Freund von ihm sagt noch einmal, wie dumm das von ihm war, soviel auf einmal zu schlucken. Er muss es wissen. Ich hörte, er habe lange so einige Drogen konsumiert und trinke jetzt nur noch Alkohol, weil er monatelang dachte, er befinde sich in einem Würfel. Das will er wohl nicht mehr durchmachen müssen.
Sonst ist es wirklich toll auf dem Festival, ein Spielplatz für Große. Auch Kleine sind zwar da, aber ich finde so mancher Anblick dort ist nichts für Kinder. Wie auch immer, als Erwachsener kann man viel Spaß haben, mit Hörspielen, Kino, verschiedenem und gutem Essen, Hängematten in Bäumen, großen Schaukeltieren für 2 bis 3 Personen. Ich stehe auf der Terrasse von einem Hangar und sehe der riesigen Menschenmenge zu, die zu Babylon Circus hüpft.
Die Toilettenbenutzung ist eher unschön, diese Dixies sind viel zu schnell viel zu beschissen. Beim kostenpflichtigen WC-Royal stand ich ewig an und so auf Bestellung geht sowieso nix. Alles umsonst! Die Duschen sind gemischt, warm, umsonst und draußen, wer prüde ist, lässt einfach seine Sonnenbrille auf.
Nachspiel: nach dem Festival werden Fotos ausgetauscht und das geflügelte Wort: „Ich kann´s auch lassen. Macht keinen Unterschied“ ist entstanden. Das Bändchen, das jeder zum Eintritt ums Handgelenk bekommt, bleibt erstmal dran. Als ich Montag früh zur Arbeit fahre, bin ich noch etwas wackelig auf den Beinen und falle in der U-Bahn fast hin. Jemand hält mich kurz am Arm. Ich sehe sein Bändchen. Er war auch da. Schön!
